REPORTAGE 06.02.2015

Migrantenkinder - eine verlorene Generation

© KOSMO / Radule Božinović
Im Schuljahr 2011/12 haben 13 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund die Schule abgebrochen. Bei Schülern ohne ausländische Wurzeln sind nur 4 Prozent. In den zur Matura führenden Schulen liegt der Anteil von Schülern aus Zuwandererfamilien unter 15 Prozent.


Über das österreichische Schulsystem kreuzen die politischen Gegner ihre Klingen. Die Opfer sind in erster Linie die Kinder, aber langfristig gesehen auch die Gesellschaft als Ganzes. Bei den Kindern mit Migrationshintergrund ist der Erfolg auf der Schulbank von viel mehr einschränkenden Faktoren abhängig, als das bei ihren österreichischen Altersgenossen der Fall ist.

 „Meine Eltern können wir nicht helfen“

Amar Karić (16) ist in Wien geboren, genau wie seine jüngere Schwester. Er war in der Neuen Mittelschule (NMS) ein ausgezeichneter Schüler und schrieb sich mit großem Ehrgeiz in den bautechnischen Zweig der HTL ein. „In der ersten Klasse hatte ich gute Noten. Aber im zweiten Jahr habe ich die Nachprüfungen in Englisch und Deutsch nicht bestanden und musste die Klasse wiederholen. Ich habe nicht genügend gelesen, und so machten mir die Grammatik und die Rechtschreibung in beiden Sprachen Probleme“, erklärt Amar seinen Misserfolg.

Seine Eltern können ihm bei Lernproblemen kaum helfen. Sie selbst lernten nach ihrer Ankunft aus Bosnien-Herzegowina Handwerksberufe und gründeten eine Baufirma. Sie arbeiten viel und bieten ihren Kindern ein komfortables Leben. „Meine Eltern haben mir im letzten Jahr Nachhilfe gezahlt, aber die haben mir nicht viel genützt“, sagt Amar bedauernd. „Ich will Matura machen und Ingenieur werden“, zeigt sich Amar ambitioniert.

„Ich mochte die Schule nicht“

Mihajlo Branković (16) ist in Serbien geboren und hat dort auch die Grundschule begonnen. Nach der NMS begann er eine Lehre als Metalldreher. „Mir gefällt der Beruf, den ich lerne, und ich bin froh, dass ich den praktischen Teil in einer guten Firma machen kann“, rühmt sich Mihajlo.

Als er die NMS besuchte, verursachte dieser clevere Bursche mit seinem Verhalten zahlreiche Probleme. „Ich war unruhig, und das störte manche Lehrer. Mir schien, dass sie deswegen von mir immer mehr forderten als von den anderen Kindern. Selbst, wenn wir als Gruppe Probleme machten, bekam immer nur ich an allem die Schuld. Mit ihren Bestrafungen erreichten sie gar nichts, außer dass ich aus Trotz auch weiterhin Probleme gemacht habe. Ich habe den Schulabschluss nur geschafft, weil meine Mutter nicht so hartnäckig war“, erzählt Mihajlo.

„Fühle mich überfordert“

Suzana Najdevski (14) ist in Wien geboren, geht in die vierte Klasse einer NMS und lebt bei ihrer Mutter, die in einer Küche arbeitet. “Mathematik mag ich nicht. Die Lehrerin hilft mir, aber ich verstehe den Stoff einfach nicht. Auch meine ältere Schwester hilft mir und ich gehe in den kostenlosen Förderunterricht. Aber bei den Schularbeiten vergesse ich alles“, sagt Suzana. „Im letzten Jahr hatte ich einen Zweier. Aber bei der neuen Lehrerin habe ich wegen zwei Fehlern in einer Schularbeit einen Vierer bekommen und sie hat mir nicht erklärt, warum sie mich so bewertet hat. Meine Mutter hat sich über mich geärgert, aber sie hat darüber nicht mit meiner Lehrerin gesprochen, was ich ihr ein bisschen übelnehme“, fügt das Mädchen hinzu.

Suzana würde gerne eines Tages in einem Büro arbeiten, aber sie ist nicht sicher, ob sie es mit ihren Noten schafft, sich für eine entsprechende Schule anzumelden. „Ich lerne viel, um meine Noten zu verbessern, obwohl ich die Schule nicht sehr mag. Dort ist es immer laut. Ich kann nur lernen, wenn es ruhig ist“, sagt Suzana.

„Mir ist eine Schwangerschaft dazwischengekommen“

Im letzten Schuljahr hat Natalija Mandić (16) in der NMS ihre Pflichtschulzeit abgeschlossen und vor vier Monaten hat sie ihr Söhnchen Antonijo zur Welt gebracht.

Natalijas Mutter hätte sich ein anderes Leben für ihre Tochter gewünscht: „Ich würde nicht wollen, dass meine Tochter die Schule abbricht, wie ich das getan habe. Ich würde mir wünschen, dass sie eine gute Schülerin ist und nicht zu Hause sitzt und auf ein Baby aufpasst. Ich bereue es nicht, aber ich weiß, dass die Schwangerschaft und die Verpflichtungen zu früh gekommen sind“, schließt die Mutter.

"Erziehung und Schule widersprechen sich oft"

„Ich habe häufig das Gefühl, dass in den Schulen über die Köpfe der Kinder hinweggeredet und über sie hinweg unterrichtet, wird“, sagt Ankica Bosanac-Nenadović, eine muttersprachliche Lehrerin der NMS Koppstraße.

Sie erkennt aber auch Probleme in der Erziehung von Kindern aus Zuwandererfamilien: „In der Schule wird zu viel Selbständigkeit von den Kindern gefordert, aber unsere Eltern erziehen ihre Kinder nicht auf diese Weise. Man muss den Kindern genügend Zeit geben, sich anzupassen, aber die lässt ihnen dieses Schulsystem nicht. Sie reagieren aufgewühlt, es entsteht eine Ablehnung gegenüber der Schule und das hinterlässt langfristige Folgen", erklärt die Lehrerin, die beide Seiten kennt.

"Aufgrund der Überlastung der Lehrer in der Volksschule kommen zu uns in die NMS Generationen von Kindern, die von Jahr zu Jahr schlechter sprechen, lesen, schreiben und rechnen“, sagt die Pädagogin.

Vera Marjanović / KOSMO

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