HOMOPHOBER ANGRIFF 27.01.2015

„Migranten sind auch nicht besser als die Rechten“

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Mariana Milinković (36) war am 31. Dezember 2014 bei einer Silvesterfeier in einem Balkan-Lokal in Tulln. Dort wurde sie von einem fremden Mann angepöbelt und körperlich angegriffen. Weil sie lesbisch ist. Keiner der Gäste kam ihr zu Hilfe. Sie kontaktierte die KOSMO-Redaktion, um über diesen Vorfall zu sprechen.


KOSMO: Sie waren letztes Silvester bei einer Feier in einem Balkan-Lokal in Tulln. Was ist dort passiert?

Mariana Milinković: Ich war an dem Abend mit Freuden dort, um Silvester zu feiern. Es waren ca. 30 Leute im Lokal, es wurde getanzt und gegessen und getrunken. Dann kam dieser Mann, den ich zum ersten Mal gesehen hatte. Er gab mir immer wieder im Vorbeigehen einen leichten Schlag auf den Hinterkopf. Ich habe versucht ihn zu ignorieren, so wie schon ich vieles ignorieren musste, wegen meiner sexuellen Orientierung und meiner Erfahrungen als Ausländerin. Nach Mitternacht saß ich mit der Sängerin an der Bar und unterhielt mich, mit dem Rücken ihm zugewandt. Er stand dann immer wieder von seinem Platz auf, kam auf mich zu und haute mir heftiger von hinten auf den Kopf. Das passierte drei, vier Mal.

Wie haben die anderen Gäste darauf reagiert?


Es waren noch 17 - 18 Leute in dem Lokal. Es hat kein Mensch mit der Wimper gezuckt. Ich bin in Tulln aufgewachsen, das ganze Lokal kennt mich. Ich hatte den Eindruck, dass sich die Leute in dem Lokal nicht einmischen wollten oder ihn sogar unterstützen wollten. Ich habe ihn dann gefragt, was das sollte, aber er hat nur eine Geste gemacht, nach dem Motto „Dreh‘ dich um, ich kann dich nicht anschauen.“ Als meine Bekannte seine Schwiegermutter, die auch dort war, angesprochen hat, meinte sie nur, das sei wahrscheinlich, weil ich lesbisch bin.

Haben Sie den Lokalbesitzer darauf angesprochen?

Der Lokalbesitzer hat das alles mitgekriegt, aber einfach gar nichts gesagt. Von ihm kam kein einziges Wort darüber. Ich kenne ihn schon lange und ich kenne seine Reaktion, wenn zwei Burschen im Lokal auf einander losgehen - da geht er als erster dazwischen. In dem Fall wird alles totgeschwiegen.

Wie haben Sie sich in dieser Situation gefühlt?


Schläge dieser Art kenne ich schon aus der Schule. Ich wurde als Ausländerin beschimpft und habe Kopfnüsse gekriegt. Es war erniedrigend, wie jedes Mal. Aber noch mehr schmerzte mich, dass die Sache komplett ignoriert wurde.

Wieso haben Sie sich nicht an die Polizei gewendet?

Weil ich einen Freund hatte, dem das Lokal gehört – dachte ich zumindest. Ich wollte keine Probleme machen. So wie ich es leider zuhause gelernt habe. Dass man als Ausländer keinen Wirbel machen soll und möglichst unscheinbar bleiben muss. Im Nachhinein, als ich mit meiner Familie sprach, sagten alle, ich hätte es einfach machen sollen. Ich dachte mir: „Vergiss es. Es passt schon“. Aber es passt einfach nicht.

Wie schwer ist Ihnen die Entscheidung gefallen, mit Ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen?

Schwer. Ich habe Tage, bevor ich euch geschrieben habe, wirklich geweint. Ich habe mich gefragt, ob mir das auch mit meiner Familie passieren kann und wen ich wirklich als Freund sehen kann. Ich wollte einfach irgendwem schreiben, der mir vielleicht etwas Zuspruch geben kann.

Hatten Sie Bedenken, erst recht angegriffen zu werden? Vor Kurzem haben wir die Geschichte einer lesbischen Muslimin veröffentlicht, die dann sogar online bedroht wurde…

Ich hatte schon etwas Bedenken. Ich verfolge die Kommentare in Zeitungen im Internet und da geht es oft übel zu. Aber das sollte man nicht wörtlich nehmen. Durch die Virtualität erlauben sich die Leute Dinge, die sie im wirklichen Leben nicht ausleben können.

Was erhoffen Sie sich davon, dass Sie ihr Erlebnis öffentlich machen?

Man kann Menschen nicht ändern und das will ich auch nicht. Aber dieses Ereignis hat mich aufgerüttelt. Ich möchte, dass die Menschen in dieser tullner Jugo-Community einfach wissen, dass ich nicht schweigen werde. Sollte so etwas wieder passieren, gehe ich zur Polizei. Wenn es um Ausgrenzung geht, sind unsere Leute nicht viel besser als die österreichischen Rechtsradikalen.

Was würden Sie Menschen raten, die in eine ähnliche Situation kommen, wie Sie?

Auf jeden Fall zur Polizei zu gehen. Es gab in diesem Moment niemanden, der auf mich Rücksicht genommen hat – also wieso sollte ich das? Wenn man immer nur einsteckt und nichts dagegen unternimmt, macht einen das krank.

Interview: Ljubiša Buzić / KOSMO

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