ARRANGIERTE EHEN 10.12.2014

„Mein Vater bekam Geld für mich“

© KOSMO / Radule Božinović
In patriarchalischen Gegenden ist die Ehe mehr als nur Liebe und bei der Entscheidung ist Berechnung ein häufiges Motiv. Arrangierte Ehen gibt es am Balkan noch immer.


Einst war die Kuppelei in unserer Region ein angesehenes Geschäft. In modernen Worten erklärt, waren die Kuppler Manager für Ehearrangements, die gut entlohnt wurden. Für die Ehe von Boban-Pišta Buligović (41), einem beliebten Fernsehmoderator beim Wiener Stadtsender Okto TV, und seiner Frau Usnija (37) kuppelten ihre Eltern.

 „Unsere Eltern waren beste Freunde in unserer Heimatstadt Sombor. Ich erinnere mich, als ich vier war und mir Bobans Mutter sagte, wie schön ich sei und dass ich ihre Schwiegertochter werden würde“, beginnt Usnija zu erzählen.

Dass die beiden schließlich wirklich zusammenkamen, geschah nicht wegen, sondern trotz ihrer Eltern, wie sie betonen. Sie waren fast ein halbes Jahr zusammen, verbargen ihre Beziehung jedoch vor den Eltern. Sie hatten keine Ahnung, dass doch alles bemerkt wurde. Am Ende gestand Usnija ihrem Vater die Wahrheit.

 „Natürlich hätte ich mich trotz unserer Familien nicht zu diesem Schritt entschlossen, wenn uns nicht tiefe Gefühle verbunden hätten“, unterstreicht Pišta Buligović. „Die freie Wahl ist unabdingbar, aber wir finden beide, dass es nicht schlecht ist, wenn ein bisschen gekuppelt wird“, sagen die Buligovićs.

„Als Frau hast du kein Mitspracherecht“

Die negative Seite dieser Tradition ist der Brauch arrangierter Ehen, bei denen die Frau kein Mitspracherecht hat. Die Geschichte der 36-jährigen A.  begann im Kosovo, wo sie in einer traditionellen Großfamilie aufwuchs:  “Wir waren sieben Kinder und lebten zusammen mit Oma, Opa und unseren Eltern. Die Brüder hatten immer alle Rechte, während meine Schwester und ich weniger wert waren“, beginnt A. wehmütig ihre Geschichte. Mit 14 erfuhr sie von ihrem Bräutigam, der damals 24 war, aus dem Nachbardorf stammte und in Österreich lebte. Die Familie war gut situiert und bot für die Braut eine hübsche Geldsumme, wie es der Brauch erforderte.

„Er war höflich, begann sofort, mir zu erzählen, dass das Leben in Österreich viel schöner sei als im Dorf und dass ich wie eine Dame leben würde“, erinnert sie sich an ihre erste Begegnung mit ihrem zukünftigen Mann. „Aber mir bedeutete nichts, denn mir gefiel damals ein Bursche. Ich schwieg und schaute zu Boden, was als Zustimmung gedeutet wurde. Aber auch wenn ich mich gewehrt hätte, hätte das nichts geändert“, fährt die junge Frau mit ihrem unglaublichen Bericht fort. Die Heirat war schon beschlossene Sache, der Mann nahm sie nach Wien mit und bekam mit ihr Kinder.

Heimlich Deutsch gelernt

“Mit 23 Jahren hatte ich drei Kinder und ein Leben in vier Wänden. Zum Einkaufen ging ich nur in Begleitung von Familienmitgliedern. Es war nicht leicht, von nur einem Lohn zu leben, und darum schlug ich vor, mir eine Stelle zu suchen“, erinnert sich A. Ihr Mann war nachgiebig, sagte ihr aber, dass sie ohne Deutschkenntnisse keine Arbeit finden würde. Seine Überraschung, als ihm seine Frau darauf auf Deutsch antwortete war groß.

 „Ich glaube, dass er damals stolz auf mich war. Mein Mann ist ein guter Mensch, ich habe ihn liebgewonnen. Er hilft mir manchmal im Haushalt, manchmal gehen wir aus und im Sommer fahren wir ans Meer. Für unsere Kinder wollen wir keine Ehen arrangieren. Wir wollen, dass sie die Schule abschließen und ihren Weg selbst wählen“, sagt A. am Ende und kehrt schnell in die Arbeit zurück.

Der Onkel hat die Ehe arrangiert

Radmila M. (52) ist in Serbien geboren, in einer Stadt an der Morava. Da ihre Eltern geschieden waren, verbrachte sie ihre Kindheit teils in Serbien, teils in Deutschland. Das Verhältnis zu den jeweiligen neuen Partnern ihrer Eltern war gleichermaßen schlecht. Eines Tages sagte ihr Onkel, dass eine Ehe für sie die Lösung aller Probleme sei, und fügte hinzu, dass er eine ausgezeichnete Partie für sie gefunden habe. „Als ich ihn sah, wusste ich gleich, dass er nicht der Richtige für mich war“, erinnert sich Radmila M. an ihre erste Begegnung. Gegen den Willen ihrer Angehörigen konnte sie sich trotzdem nicht wehren.

„Ich wurde geschlagen“

Kurz nach der Heirat wurde Radmila schwanger. Doch trotz der Schwangerschaft von ihrem Mann geschlagen und von dessen Familie missachtet. Radmila konnte alles ertragen, bis ihr Mann begann, die Kinder zu misshandeln. Als er die Mutter einmal vom Vater blutig geschlagen vorfand, stellte sich der achtzehnjährige Bursche dem Vater entgegen. Das war der Tropfen, der das Fass voller Leiden zum Überlaufen brachte. Nach einer kurzen Trennung kehrte sie zu ihrem Mann zurück. Nur um die nächste Tragödie zu erleben, als der Sohn bei einem Autounfall starb. Erst nach der Heirat ihrer Tochter zog den Schlussstrich unter 34 Jahre ihrer eigenen Ehe, in die ich gegen meinen Willen hineingedrängt worden war.

Vera Marjanović / KOSMO

Verein DIVAN:„Man muss die Frauen stärken“

Verbotene Liebe

Der Kampf ums Kind

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe als PDF zum Nachlesen

COVER STORY:
Österreichs Beschützer
INTERVIEW:
Rap-Legende Juice
REPORTAGE:
Teure Geburstage

Zusendung

Lassen Sie sich KOSMO bequem nach Hause zusenden! Versandkostenbeitrag nur 11,- EUR (10 Ausgaben).
Zum Bestellformular

Facebook