INTERVIEW 09.12.2014

„Mein Leben als Serbiens größter Gangster“

© KOSMO / Radule Božinović
Kristijan Golubović (45) hat sein halbes Leben in Gefängnissen in Serbien, Griechenland, Deutschland, Italien und anderen Ländern verbrachtet. Wir trafen das prominenteste Gesicht der serbischen Unterwelt der 1990er Jahre zu seinem vermutlich letzten Interview für die nächsten Jahre.


KOSMO: Kristijan, was hat dich nach Wien geführt?


Kristijan Golubović: Ich bin auf dem Weg nach Deutschland, wo meine Mutter lebt, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Ich wurde als Gastarbeiterkind in München geboren. Das ist die Chance meines Lebens. In Serbien herrscht überall, wo ich auftauche, der Wurm des Verdachts, dass ich meine Ehrlichkeit nur spiele.

Was sagst du zum Strafverfahren gegen dich in Belgrad?


Das ist eine große Ungerechtigkeit, denn alle wissen, dass ich ein Gegner von Drogen bin. Die Leute vom Šarić-Clan, die für Tonnen von Drogen verurteilt wurden, kommen nach sieben und acht Jahren aus dem Gefängnis, und mir brummen sie wegen 100 Gramm, mit denen ich nichts zu tun habe, eine ähnliche Strafe auf [Schmuggel von 100 Gramm Heroin und unerlaubter Besitzes einer Pistole, Anm. d. Red.]. Lächerlich!

Du hast dich in einer Ausstellung in Belgrad auch als Maler präsentiert. Wie geht es mit deiner künstlerischen Karriere voran?

Ich habe 1.800 eigene Bilder, aber der Öffentlichkeit habe ich nur 150 davon präsentiert und den Leuten hat der Atem gestockt. Serbien gar nicht, wen es da eigentlich hat. Ich kann den Tag kaum erwarten, an dem man nicht mehr sagt „Schau, da ist Kristijan, der Verbrecher!“, sondern wenn man sagen wird „Schau, da ist unser moderner Van Gogh!“

Wirst du deine „Prison Art“ auch der europäischen Öffentlichkeit vorstellen?

Ich gehe nach Düsseldorf, Berlin, Brüssel, Amsterdam und in die Weltstadt Paris. Dort werde ich eine große Ausstellung vereinbaren. Der Vorteil ist, dass Europa mich nicht durch das Prisma meiner kriminellen Vergangenheit sieht, sondern durch das meiner schöpferischen Fähigkeiten.

Du magst es nicht, wenn man dich als Verbrecher darstellt…


Ich will nicht mehr, dass man in mir nur diese Rohheit sieht, sondern den Künstler und Schöpfer, jenen Kristijan, der sich um seine Familie kümmert und den Jugendlichen ein Vorbild ist.

Was machst du konkret?


Naja, ich habe einen Club in Belgrad, wo ich Jugendlichen an meinem eigenen Beispiel zeige, dass der Sport der richtige Weg ist und nicht die Kriminalität. Heute laufen bei uns im Fernsehen große Fische, Kaiserinnen, Königinnen, Märchenprinzessinnen. Aber wenn du diese Kaiserinnen und Königinnen um fünf Uhr früh siehst, wenn das ganze Nikotin, die Drogen und der Alkohol aus ihnen herauskommen, wenn es keinen Photoshop mehr gibt, dann wird dir schlecht... Ich biete im Gegensatz dazu echte Inhalte: die Rückkehr zum gesunden Menschenverstand durch Kunst und Sport. Und sie sehen mich als eine Art Spiderman, wenn wir in den Seminaren gemeinsam zu zeichnen, zu spielen und zu trainieren beginnen.

Fürchtest du, dass dein Sohn eines Tages in die Kriminalität abgleiten könnte?

Er hat nicht diesen sprunghaften Charakter wie ich. Er ist viel genauer, nimmt alles unter die Lupe, bevor er etwas unternimmt. Er hat Talent für Basketball, aber auch fürs Geschäft. Ich bin stolz auf ihn und will, dass er auf seinen Vater stolz ist, den heutigen Kristijan.

Du bist der einzige überlebende Akteur aus der Doku „Vidimo se u čitulji“ („Wir sehen uns in der Todesanzeige“)? Was unterscheidet dich von den anderen?

Gott hat mich beschützt und mich auserwählt, zu leben. Auf der Straße war ich oft schlauer als die anderen: Während viele versucht haben, nicht als Feiglinge dazustehen, und sofort auf jeden starken Schlag reagiert haben, bin ich oft einen Schritt zurückgegangen, den berühmten side-step, und habe mich so verteidigt, um später dem Gegner einen viel härteren Schlag zu verpassen als er ihn mir geben könnte. Ich war einfach schlauer. Darum bin ich im Gegensatz zu den anderen noch am Leben.

Hast du das Milieu, in dem du dich bewegst, gewechselt? Wenn du sagst, dass du kein Krimineller mehr bist…

Ja. Ich bin jetzt mit jungen Leuten, mit Sportlern und Künstlern zusammen. Du kannst ein ganzes Jahr lang in meiner Gesellschaft sein und wirst nicht ein einziges Mal Zigarettenrauch riechen. Das sagt schon alles darüber aus, mit wem ich verkehre und welche Werte ich vertrete.

Was sagst du zur aktuellen Politik in Serbien?


Aleksandar Vučić führt uns in die Zukunft und auch der Name „Srpska napredna stranka“ („Serbische Fortschrittspartei“) besagt, dass wir vorangehen. Ich will nicht mehr, dass wir ständig in die Vergangenheit zurückkehren. Natürlich werden wir weder vor Europa noch vor dem Osten einen Kniefall vollführen, aber uns auch von den Scheichs nicht angewidert abwenden. Ich glaube, dass das die richtige Politik ist.

Wo siehst du dich in zehn Jahren?


Vielleicht in Deutschland, wer weiß? Ich würde dort gerne eine Immobilie kaufen. In zehn Jahren sehe ich mich an irgendeinem Kamin, die Beine ausgestreckt auf irgendeinem Teppich, während mir meine geliebte Frau Jasmintee serviert. Brave Hunde, viele Enkel, Ruhe und Frieden. So sehe ich mich in der Zukunft.

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