SPRACHE 25.09.2014

Mehrsprachiges Österreich

© Privataufnahmen
Am Freitag feiert ganz Europa den Europäischen Tag der Sprachen und damit die sprachliche und kulturelle Vielfalt Europas. Auch KOSMO möchte die Wichtigkeit von Mehrsprachigkeit betonen und besuchte zweisprachige Österreicherinnen aus Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Serbien. Über das Verlernen der Erstsprache und den Stolz der Herkunft.


Katharina (24): „Schätze den Wert meiner Sprache“

Katharina Rajović wurde in Graz geboren und wuchs bei ihrer Mutter auf. Von Beginn an war sie von zwei Sprachen umgeben: Serbisch und Deutsch. Dennoch betitelt die junge Studentin nur eine Sprache als Muttersprache: „Ich habe Deutsch, vor allem durch den Schulbesuch, von Grund auf erlernt. Serbisch ist somit meine Zweitsprache, da sie mir lange Zeit nur mündlich überliefert wurde.“ Das merkt die 24-Jährige auch bei der Nutzung der beiden Sprachen – mit ihrer Mutter versucht sie heute, vermehrt Serbisch zu sprechen, doch studiert, arbeitet und lebt sie hier in Österreich. Vor wenigen Jahren nahm Katharina wieder Kontakt zu ihrem Vater auf, der in Serbien lebt. Ein wichtiger Schritt auch für ihre Sprachentwicklung: Das Erlernen von Kyrillisch und eine Verbesserung in ihrer Aussprache oder Wortwahl sind seit den vielen Reisen in die ursprüngliche Heimat zu beobachten.

Einer Ausgrenzung durch ihre Zweisprachigkeit war die Grazerin nie ausgesetzt: „In meiner Kindheit hat meine Mutter Wert darauf gelegt, integriert zu sein. So haben wir in der Öffentlichkeit nur Deutsch gesprochen. Es wusste sozusagen niemand, dass ich Serbisch spreche.“ Heute steht sie ihrer Mehrsprachigkeit offen gegenüber und sieht sie als Bereicherung sowie Vorteil beim Erlernen neuer Fremdsprachen. Vor allem durch das Berufsleben hat sie die Vorteile einer weiteren Sprache zur internationalen Kommunikation für sich nutzen können.

Daniela (22): Hatte Angst, als „Tschusch“ beschimpft zu werden

Auch Daniela Vukadin musste sich trotz anfänglicher Zweisprachigkeit der Sprache ihrer Eltern und Wurzeln erst wieder annähern. Die Studentin der Politikwissenschaft wuchs im niederösterreichischen Zillingdorf auf – die Umgebung war durch und durch österreichisch. Die Folge war, dass Kroatisch in den familiären vier Wänden zwar gesprochen wurde, dennoch immer weniger Einfluss auf ihr Leben hatte. Passiv beherrschte Daniela Kroatisch zwar, allerdings wurde es kaum öfter als bei alljährlichen Familienfesten ausgegraben.

Mittlerweile nutzt sie das Kroatische auch (wieder) in ihrem privaten Umfeld, erzählt jedoch, dass es sich manchmal etwas falsch anfühlt: „Zuweilen müssen meine Freundinnen und ich uns zwingen, nicht ausschließlich auf Deutsch zu kommunizieren, was schwer ist, weil wir immer wieder unbedacht ins Deutsche wechseln.“

Als Kind war ihre Mehrsprachigkeit etwas, dessen sie sich schämte. Panische Angst, Deutsch nicht akzentfrei zu beherrschen oder als „Tschusch“ beschimpft zu werden, gestalteten den Zugang zum Kroatischen schwierig. Heute ist die 22-Jährige stolz – sieht die Vorteile in ihrer zweiten Erstsprache und schmunzelt über Reaktionen auf ihren Migrationshintergrund: „Ich spreche – wenn auch mit einem hörbaren deutschen Akzent – Kroatisch. Nachteile bekomme ich nicht zu spüren, was wahrscheinlich darin liegt, dass man mir meinen Migrationshintergrund nicht ansieht oder –hört. Allerdings bekomme ich zuweilen zu hören, dass ich mich ja ‚so gut integriert habe‘. Die Tatsache, dass ich in Wien geboren bin, wird da meist achselzuckend ignoriert.“

Ilma (17): Immer noch stolze Bosnierin


Ilma Mašinović wurde nicht in Österreich, sondern in Bosnien-Herzegowina geboren. Auch heute bezeichnet sie ihr Herkunftsland als ihre Heimat, Bosnisch als ihre Muttersprache. Die Schülerin wurde in Bihać eingeschult, war jedoch von klein auf mit der deutschen Sprache konfrontiert: „Wir haben viele Verwandte in Deutschland und von Beginn an hatte ich Deutsch in der Schule, die Sprache war in meinem Umfeld immer präsent.“

Seit bald zehn Jahren lebt sie in Graz und verwendet beide Sprachen – am liebsten auf einmal. In ihrer bosnischen Community und auch mit ihren Freundinnen und Freunden spricht Ilma eine Mischung aus Bosnisch und Deutsch: „Ich beginne mit der einen Sprache, wechsle während des Sprechens in die andere und beende wieder mit der ersten.“ Ein Phänomen welches sich häufig bei Zweisprachigkeit beobachten lässt. Selbst Ilmas Träume sind situationsabhängig – träumt oder denkt sie von und an die Schule, spielt sich alles auf Deutsch ab. Drehen sich ihre Gedanken um die Familie oder Musik, so sind sie bosnisch geprägt.

Anders als bei Daniela oder Katharina ist Ilmas Deutsch nicht akzentfrei. Schon oft wurde sie auf der Straße oder im Park unfreundlich angesprochen, dennoch ist die Schülerin stolz auf ihre Erstsprache. Wie könnte sie auch anders, bezeichnet sie sich im Gegensatz zu den Studentinnen nicht als Österreicherin oder Kosmopolitin sondern ganz klar als Bosnierin.

Anna-Magdalena Druško / KOSMO

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