INTERVIEW 12.02.2015

„Medien sind oft oberflächlich“

© Drago Palavra
In Österreichs Medien wird derzeit intensiv über Integration und Migranten diskutiert. Wir trafen die Journalistin Olivera Stajić, Chefin vom Dienst bei derStandard.at und Leiterin von daStandard.at. Mit KOSMO sprach sie über Islamophobie, Fremdenfeindlichkeit und Populismus in den Medien.


KOSMO: Wie schätzen Sie die Rolle der Medien im Zuge der Charlie-Hebdo-Berichterstattung ein?

Olivera Stajić: In den ersten Tagen war die Art Hysterie zu beobachten. Das ist einerseits klar,  denn die Opfer waren Kollegen und Medien nehmen sich, einige auch zurecht, sehr wichtig, wenn es um die Bewahrung von demokratischen Werten geht. Bei einigen war die Anteilnahme aber pure Heuchelei, denn viele vor allem Boulevardmedien schereen sich meistens einen Dreck um die Pietät oder um Meinungsfreiheit, die sie vermeintlich mit Je suis Charlie-Sprüchen demonstrieren wollten.

Wie werden Ihrer Meinung nach die Muslime in Österreich medial dargestellt bzw. wie wirkt sich das auf ihre Inklusion aus?

Wie meist, wenn es um eine Tat mit islamistischen Hintergrund geht, braucht es sehr viel Feingefühl, um in der Berichterstattung  Bergriffe wie „Islam“, „islamisch“, oder „islamistisch“ nicht zu vermengen. Die meisten Medien treffen nicht den richtigen Ton und andere sind wieder mit Absicht oberflächlich und verallgemeinernd. Sie hetzen, und das ist gefährlich. Denn so grenzt man Muslime, und alle, die sich solidarisch mit ihnen zeigen, aus. Das spaltet die Gesellschaft, und das ist immer gefährlich.

Gibt es in Österreich in den letzten Jahren einen positiveren Umgang mit Themen wie Vielfalt oder Integration?

Ich habe das Gefühl, wir erleben gerade einen Backlash. Das kann daran liegen, dass wir uns in Wien und in weiteren Bundesländern in der Vorwahlzeit befinden. Die Politiker sind schnell mit flotten Sprüchen, und die Medien greifen sie der Sensation wegen gerne auf. Ich würde mir mehr Stimmen wünschen, die ehrlich und klar sagen: „Wir sind eine diverse Gesellschaft, wir müssen uns gegenseitig respektieren lernen.“ Es gibt klare Regeln, die man in einer Demokratie befolgen muss, aber das heißt noch lange nicht, dass die Mehrheit arrogant übers die Minderheit urteilen darf. Diese Stimmen müssen aus der Politik und aus der Zivilgesellschaft kommen.

In Österreichs Medien gibt es trotz Initiativen nach wie vor zu wenig Zuwanderer. Wer trägt dafür die Verantwortung?


Es ist ein altes und leidiges Thema, aber ich habe die Hoffnung, dass sich das langsam doch verbessert. Es wächst eine Generation junger, selbstbewusster Migrantinnen nach, die sich ihre eigene Netzwerke erschafft und langsam auch in den Mainstream-Medien mitmischt. Bisher ist vieles am Willen der Etablierten gescheitert, diese Leute gezielt zu fördern und ihnen eine Chance zu geben.

In Ihrem letzten Kommentar (siehe Link) nehmen Sie auch Ihre Kollegen Journalisten in Verantwortung. Was müssten einheimische Redaktionen machen, um sensibler auf die Interkulturalität zu reagieren?


Die Kollegen dürfen nicht in die Falle tappen, die populistischen Politikersprüche ohne Hinterfragen zu reproduzieren. Und bitte nicht immer diese nebulöse „Kultur“ und die angeblichen Kulturunterschiede in jede Integrationsdebatte wie einen Joker einwerfen. Wenn es Probleme gibt, dann müssen die Journalisten auf der Suche nach Lösungen die richtigen Fragen stellen. Und jene, die sich Qualität und Aufgeklärtheit auf die Fahnen geschrieben haben, dürfen auch nicht davor zurückschrecken, hetzerischen Geschichten, wie sie in den Boulevardmedien in den letzten Monaten öfter vorkommen, nachzurecherchieren. Das Studentenprojekt „Kobuk“ macht das großartig, aber das erwarte ich mir eigentlich von professionellen Kollegen.

Nedad Memić / KOSMO

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