INTERVIEW: Sandra Selimović 22.11.2013

„Manche nennen mich auch Švabica"

© zVg.
Sandra Selimović ist in der freien Theaterszene Wiens seit langem schon keine Unbekannte mehr.

Die gebürtige Romni aus Serbien gilt als eine der größten Kämpferinnen für Frauen-Gleichberechtigung in der heimischen Roma-Community. Nebenbei setzt sie sich nicht nur immer wieder lautstark gegen Rassismus und Diskriminierung ein, sondern auch für Kinder und Jugendliche, die in ihren mehrsprachigen Theaterstücken mitspielen.

Vor kurzem wurde ihre Arbeit als Regisseurin, Schauspielerin, Tänzerin und Choreografin mit dem „Preis der Wiener Vielfalt“ ausgezeichnet (siehe KOSMO-Bericht).

KOSMO: Wie viel bedeutet dir der Preis der Wiener Vielfalt?

Ich freu mich darüber und sehe es auch gewissermaßen als Anerkennung für meine Arbeit in den letzten Jahren. Von all den Aktivitäten die ich mache, bin ich jedoch vor allem auf die Arbeit mit Jugendlichen stolz. Mit unserem Projekt „Romanos svato“ bringen wir Jugendliche mit Migrationshintergrund zwischen 16 und 19 zum Theater. Es sind vor allem Jugendlichen aus sozial schwachen Familie. Darunter sind natürlich auch viele Roma, die – genauso wie die anderen - wahrscheinlich nie den Weg zum Theater gefunden hätten.

Der Preis für dich ist ja indirekt auch eine Anerkennung der freien Theaterszene Wiens und die vielen kleineren Bühnen in der Metropole.

Ja, das würde ich auch so sehen. Jedoch ist die elitäre Einstellung mancher Institutionen in der Theaterlandschaft noch immer zu spüren. Beispielsweise beim Nestroypreis: Da werden kleinere Bühnen in eine spezielle, sogenannte „Off-Theater“-Kategorie zusammengefasst. Das finde ich unfair. Für mich sind die Darsteller in der freien Szene genauso professionell wie die im Burgtheater.

Wann hast Du gewusst, dass du Schauspielerin werden willst?

Da war ich noch sehr, sehr jung. Mit 13 war ich bei einem Casting und bekam die Rolle eines Zigeunermädchens in einer ORF-Kinderserie. Rückblickend muss ich heute schon darüber lachen, weil ich gerade diese Klischeerollen gar nicht mag. Aber mit der Zeit nahmen die Sachen ihren Lauf. Meinen Eltern zuliebe machte ich aber auch eine Lehre als Einzelhandelskauffrau. Nach der abgeschlossenen Lehre konnte ich mein Ziel verfolgen – Schauspielerin zu werden.

Wie blicken deine Eltern heute auf deine Karriere?

Ich bin mit 16 von zuhause ausgezogen, weil ich mich gegen die Roma-Traditionen gewehrt habe. Meine Eltern haben beinahe schon jemanden ausgesucht, den ich heiraten sollte und das wollte ich nicht. Ich konnte gar nichts anfangen mit den patriarchalen Strukturen in der Roma-Tradition. Gegen diese wehre ich  mich auch heute noch und werde oft als Abtrünnige angesehen. Manche nennen mich auch Švabica. Andererseits kämpfe ich genauso gegen den Antiziganismus, die Diskriminierung und bin stolz auf meine Roma-Wurzeln. Insofern habe ich auch mit meinen Eltern oft Höhen und Tiefen gehabt. Ich habe es aber auch noch um eine Spur schwerer gehabt – wegen meiner nicht vorhandenen Heterosexualität.

Du bist bekannt für dein politisches Engagement. Im letzten Wahlkampf hast du mit deiner Schwester Simonida – in Ninja-Kostümen verkleidet – bei FPÖ-Wahlkampfständen als „Mindji Panther“ für Wirbel gesorgt.

Wir wollten ein Zeichen gegen Rassismus setzen und sind mit einem Banner, auf dem „Fremd, Pervers, Österreich“ stand, zur Großkundgebung der FPÖ am Viktor-Alder Markt gegangen. Wir wurden, wie erwartet, auf das übelste von den Leuten beschimpft. Trotzdem war das ein wichtiges Signal.

Wie siehst Du die Situation der Roma in Österreich?

Einerseits ist die Lage der Roma natürlich um Welten besser als in Ungarn oder der Slowakei, wo es Roma-Ghettos gibt und wo es keine soziale Absicherung wie in Österreich gibt. Andererseits gibt auch diesen Alltagsrassismus in Österreich, den man mal mehr oder wes aber eben weniger mitbekommt oder am eigenen Leib verspürt.
Du kommst ja ursprünglich aus Serbien und bist in Zaječar geboren.

Wie ist dein Bezug zu Serbien?

Irgendwie komisch, vor allem da ich in Zaječar bzw. in Boljevac (in der Nähe von Bor); wo ich die ersten fünf Jahre aufgewachsen bin, gar keine Freunde mehr habe. Ich habe in meiner Jugend auch fast Serbisch verlernt. Heute bemühe ich mich wieder öfter Serbisch zu reden. Die Mehrsprachigkeit ist mir wichtig.

Bei der letzten Wienwoche hast du ja auch gerappt und gesungen. Hast Du in der Zukunft auch Pläne als Rapperin und Sängerin?

Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich auf jeden Fall noch mehr machen. Es wird auf jeden Fall von mir noch was musikalisch kommen.  So viel steht fest.

Interview:  Petar Rosandić / KOSMO

Mehr in Web:
www.romanosvato.at
KOSMO-Bericht: Preis der Wiener Vielfalt vergeben

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