GEWALT GEGEN FRAUEN 02.12.2014

„Man muss die Frauen stärken“

© Anna-Magdalena Druško
Gewalt gegen Frauen ist ein globales Problem. Die Bosnierin Emina Šarić ist Leitern des frauenspezifischen Projektes DIVAN und berät Frauen, die Schutz brauchen.


„Eines Tages kam meine Mutter zu mir und erklärte, dass ich bald heiraten werde. Der Großvater hatte es entschieden: ‘Was soll man mit den Mädchen denn sonst machen? Mit vierzehn müssen sie gehen. Zu warten ist nicht gut, sonst finden sie keinen Mann. Und die Ehre dürfen sie auch nicht beschmutzen.‘ Man zeigte mir ein Foto von meinem Bräutigam.

Zwangsverheiratung, häusliche und auch psychische Gewalt gegen Frauen sind ein weltweites Problem. Die 2014 präsentierte Studie der EU-Grundrechteagentur FRAU fasste die Gewalterfahrungen von Frauen aus den 28 EU-Mitgliedstaaten ab dem 15. Lebensjahr zusammen:  13 Millionen Frauen im EU-Raum erlebten in den 12 Monaten vor der Befragung körperliche Gewalt. Rund 3,7 Millionen Frauen waren sexueller Gewalt ausgesetzt. Insgesamt wurde jeder dritten Frau in der EU seit ihrer Jugend körperliche und/oder sexuelle Gewalt zugefügt. Ebendiesen Problemen nimmt sich seit 2011 die Frauenberatungsstelle DIVAN in Graz an. Emina Šarić leitet das Projekt und sprach mit uns über ihre Arbeit und die Schicksale und Probleme mit denen sie konfrontiert ist.


Šarić wurde in Bosnien-Herzegowina geboren. Wie viele Menschen war auch Šarić vom Jugoslawenkrieg betroffen und musste 1992 aus Sarajewo fliehen. „Jeder Mensch hat jedoch ein kleines bisschen Hoffnung und Energie in sich, egal wie schwarz und aussichtlos alles scheint“, beschreibt sie den Grund für ihr Durchhaltevermögen in schweren Zeiten. Die Mutter einer 16-Jährigen Tochter gab nach ihre Flucht aus dem Heimatland nicht auf und machte letztendlich ihren Abschluss in Germanistik und Geschlechterstudien. Ihre positive Einstellung und ihre Kraft zu einem selbstbestimmten Leben prägten wohl auch die Entscheidung im Jahr 2011 das Projekt DIVAN ins Leben zu rufen.

Multikulturelles Team

Die frauenspezifische Beratungsstelle besteht aus einem sechsköpfigen Team. So multikulturell die Klientinnen sind, so sind auch die Mitarbeiterinnen: Sie sprechen Deutsch, Englisch, BKS, Türkisch, Arabisch und Dari/Farsi und haben das nötige interkulturelle Wissen: „Wenn eine Frau von Balkan zu mir kommt und mir mitteilt, dass sie ihren Mann einfach nicht anzeigen kann, dann muss ich nicht fragen wieso. Ich kann ihr Argumente geben die vielleicht dafür sprechen würden, aber ich verstehe es, wenn sie der Meinung ist es wäre eine Schande“, erzählt Šarić.

„Bald darauf wurde ich schwanger. Eigentlich wollte ich keine Kinder haben. In der Schwangerschaft litt ich unter einer Art psychischer Krankheit. Ich hielt mich nur in dunklen Zimmern auf und hatte gar keine Gefühle mehr. Für niemanden. Auch für das Kind in meinem Bauch nicht. Am Ende der Schwangerschaft entwickelte ich langsam Gefühle für das Kind. Ich dachte mir, wenn das Kind da ist, bin ich nicht mehr alleine in dieser Welt.“

Bei DIVAN bekommen Frauen Beratung zum Thema häusliche und psychische Gewalt und jene zur Zwangsverheiratung. Hinzu kommen Rechtberatungen, Psychotherapien und interkulturelle Beratungen. Auch Bosnierinnen/Kroatinnen/Serbinnen sind unter den Klientinnen vertreten. Die Projektleiterin ergänzt, dass die bisherigen Problemstellungen von Frauen vom Balkan sich auf häusliche Gewalt und vor allem starke Respektlosigkeit seitens der Männer bezogen. Die Hilfestellungen bei Zwangsverheiratungen lassen sich eher auf den orientalischen Kulturkreis zurückführen.

Es gibt einen Ausweg

„Dann schlug mich mein Mann. Ich weinte und es ging mir so schlecht, dass ich einen Selbstmordversuch unternahm. Am nächsten Tag wachte ich im Krankenhaus auf. Ein junger Mann gab mir seine Nummer und sagte: ‘Wenn du Hilfe brauchst, ruf mich an!‘  Mir reichte es zu Hause. Ich rief ihn nach einigen Tagen an. Trotz der großen Sprachbarriere verstand er mich und empfahl mir eine Frauenorganisation namens DIVAN. Ich hörte zum ersten Mal von Frauenrechten und Zwangsheirat. Nach meinem ersten Gespräch bei DIVAN entschloss ich mich, meinen Mann zu verlassen.

Seit Neustem sehen sich die Beraterinnen mit einem neuen Problem konfrontiert: Lehrerinnen und Sozialarbeiterinnen wenden sich an DIVAN, da junge Mädchen in den Dschihad ziehen wollen. „Wir zeigen den Mädchen im Beratungsgespräch Videos oder Bilder aus den betroffenen Gebieten. Nicht um ihr Angst zu machen, aber um zu zeigen ‚He, ist das dieses tolle Leben, welches Frauen versprochen wird wenn sie kommen?‘  Man muss ihr die Augen öffnen und sie aufklären.“

Allein im ersten Halbjahr 2014 betreute das Team von DIVAN 108 Klientinnen. Morddrohungen und Stalking sind nichts Ungewohntes. Zur „Männerhasserin“ ist sie durch ihre Arbeit auch nicht geworden. Eher sieht sie, dass immer mehr Männer an sich arbeiten um gewaltgeprägtes Verhalten, welches, so betont Šarić, nicht durch ihre Mentalität sondern die Sozialisierung angeeignet wurde, abzulegen.

Ich schäme mich jetzt nicht mehr, dass ich eine Frau bin. Ich kann alles, was ein Mann kann. Ich bin eine gute Mutter. Manchmal denke ich, dass ich mehr als ein Mann machen kann.

Anna-Magdalena Druško / KOSMO

Die Zitatpassagen stammen von Frau H., Konventionsflüchtling aus Afghanistan, erschienen in der Broschüre „Frauen erzählen Leben“, herausgegeben von DIVAN.

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