PORTRÄT 14.07.2014

„Man muss alle Opfer würdigen“

© Ljubiša Buzić / KOSMO
Fahra Salihović, Gründerin der Vereins Srebrenica – Wien, bemüht sich seit fünf Jahren um eine Aufarbeitung der Vergangheit in ihrer Heimat Bosnien-Herzegowina.


„Für viele Menschen vom Balkan ist schon der Name Srebrenica ein Tabu“, sagt Fahra Salihović. „Da wird schnell eine Distanz aufgebaut, sobald das Thema ins Spiel kommt“. Die 49-jährige Bosniakin stammt aus einem Ort, der seit dem Krieg in Bosnien-Herzegowina zu einem Synonym für das größte Verbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg geworden ist. Im Juli 1995 wurden hier 8.000 Menschen, vorwiegend Männer und Buben, von serbischen Truppen unter der Führung von Ratko Mladić ermordet. Das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag bezeichnete das Massaker von Srebrenica als Völkermord. Vor diesem traurigen Hintergrund hat sich Fahra Salihović 2009 entschieden, den Verein Srebrenica - Wien zu gründen. Mit den Projekten ihres Vereins versucht die Frau nicht nur etwas für die verarmten Menschen in ihrer Heimat zu tun, sondern auch zur Versöhnung in dem immer noch gespalteten Land beizutragen und ihrem Heimatort etwas anderes abzugewinnen als das Elend des Kriegs.

Kern der Vereinsarbeit von Srebrenica - Wien ist die humanitäre Hilfe für Menschen in Bosnien-Herzegowina. Man freut sich über kleine Erfolge und nimmt Hilfe in Anspruch, wo man sie bekommen kann. Pakete mit Medikamenten werden etwa von den Fahrern der Reisebusse mitgenommen, die täglich von Wien nach Tuzla und Sarajevo fahren und dort von Aktivisten an die Bedürftigen verteilt. Im vorigen Jahr konnte der Verein ein Blutdruckmessgerät an das Kinderspital Srebrenica so wie Medikamtente für die mobile Ambulanz und Messgeräte für Blutzucker an mehrere Familien spenden. Mit reinen Geldspenden hat man schlechte Erfahrungen gemacht. „Da hat die Familie statt der medizischen Behandulung lieber Möbel für die Wohnung gekauft“, erzählt die Vereinspräsidentin. Seitdem achtet der Verein penibel darauf, für alle finanziellen Hilfen auch eine Arztrechnung zu bekommen.

Selbst etwas Gutes tun

Fahra Salihović kommt aus einer alten Familie aus Srebrenica. Ihr Urgroßvater Memiš Aga war im 19. Jahrhundert sogar Bürgermeister der Gemeinde gewesen. In Srebrenica geboren und aufgewachsen, hatte sie als Erwachsene mit ihrem Mann in Novi Pazar im südlichen Teil Serbiens gelebt. Bis sie sich 1999 entschloss, mit ihren beiden heute erwachsenen Töchtern nach Österreich zu gehen. Der Mann wollte bleiben, es folgte die Scheidung.

Ohne Reisedkumente war sie mit den Kindern illegal über die Österreichische Grenze gekommen, hatte als Asylsuchende ein Jahr lang im Caritas-Heim in Mödling gelebt, bis sie eine Arbeitserlaubnis bekommen hatte und anfing in Wien als Köchin zu arbeiten. Im Caritas-Heim lernte sie auch die Peruanerin Rossana de Wareka kannen, mit der sie eine jahrelange Freundschaft verbindet. Mit ihr erlebte sie schließlich das, was zur Initialzündung für die Gründung ihres Vereins werden sollte: Die beiden Frauen nahmen 2009 an einem Srebrenica-Friedensmarsch teil. In den drei Tagen, in denen sie rund hundert Kiolmeter zwischen Nezuk und Srebrenica zurücklegten, reifte der Entschluss, selbst aktiv zu werden. Seitdem nimmt sie jährlich an den Gedenkfeiern für die Opfer des Genozids in Srebrenica teil. Noch im Sommer 2009 startete Salihović mit ihrer eigenen Vereinsarbeit. Aus den sechs Mitgliedern im ersten Jahr sind mittlerweile rund dreißig geworden. Im Herbst feiert man den fünften Geburtstag des Vereins mit einem großen Fest. Auch die Spenden und die Hilfe vor Ort werden von Jahr zu Jahr mehr.

Schwieriger Weg zur Versöhung

Dass bei der Vergabe der Spenden nicht auf die ethnische Zughörigkeit geachtet wird, ist ihr besonders wichtig zu betonen. Obwohl fast alle Mitglieder des Vereins Bosniaken sind, wurden im vergangenen Jahr beide Medikamentenlieferungen des teuren und in Bosnien-Herzegowina kaum zu bekommenden Epilepsie-Medikaments Sibril an zwei Kindern aus serbischen Familien gespendet.

„Wir wollen kein konfessioneller oder ethnisch orientierter Verein sein“, hebt Fahra Salihović hervor. „Wir wollen alle Menschen erreichen, die zu einem friedlichen Zusammenleben bereit sind“. Das das nicht immer so leicht ist, hat Frau Salihović im Laufe der Jahre selbst festgestellt. Ein wichtiger Schritt dafür ist die Aufarbeitung der Vergangenheit und so zögert sie nicht, auch die Opfer der eigenen und der anderen Volksgruppen im Bosnienkrieg zu nennen.

„Es gibt leider immer noch auf allen Seiten Ewiggestrige, denen ein Näherkommen der Volksgruppen ein Dorn im Auge ist“, erklärt sie. Für ihre offenen Worte über die Verbrechen, die während des Kriegs im ehemaligen Jugoslawien begangen wurden, aber auch für ihre Zusammenarbeit und privaten Kontakte mit sozial engagierten Serben erntete sie mehr als nur einfache Kritik sowohl von Serben als auch von Bosniaken.

So etwas ist für Fahra Salihović ebenso unbegreiflich wie die Tabuisierung von Srebrenica. „Wer mein Freund sein will, muss die Opfer von Srebrenica anerkennen“, sagt sie mit Nachdruck. „Aber man kann nicht die eigenen Opfer beklagen, ohne auch die Opfer der anderen zu würdigen“. Eine Meinung, von der sie sich auch mit Drohungen nicht abbringen lassen will.

Ljubiša Buzić / KOSMO

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