INTERVIEW 23.01.2015

Leitl: „Österreich vertraut in Balkanländer“

© Franz Neumayr / picturedesk.com
Anlässlich der bevorstehenden Wirtschaftskammerwahlen sprachen wir mit Christoph Leitl, Präsident des Wirtschaftsbunds Österreichs und der Wirtschaftskammer Österreich, über den neuen Kurs der ÖVP, die Rolle der Migranten in Österreich und das Verhältnis zum Balkan.


KOSMO: ÖVP-Chef Mitterlehner fragte bei der vergangenen Partei-Klubklausur „Wie gehen wir vorwärts, und wo ist vorne?“ Was würden Sie ihm darauf antworten?


Christoph Leitl: Die Wirtschaft geht voraus, denn die Wirtschaft ist die Grundlage für alles. Sie schafft Arbeitsplätze, Ausbildung, Einkommen und Steuern. Wer die Wirtschaft unterstützt, kann auch politische Zielsetzungen umsetzen und dann kann das Land vorne sein.

Vizekanzler Mitterlehner hat kürzlich auch einen Vorstoß beim Nichtraucherschutz gemacht. Warum wehrt sich die Wirtschaft so standhaft gegen ein generelles Rauchverbot in Lokalen?

Weil die Wirtschaft für Rechtssicherheit ist und weil viele Wirte investiert haben in eine vernünftige Trennung zwischen Rauchern und Nichtrauchern und jetzt nicht einsehen, warum das Ganze jetzt über Nacht in Frage gestellt wird. In anderen politischen Bereichen wird auf Rechts- und Planungssicherheit Wert gelegt. Das fordern wir auch für die Unternehmer. Außerdem: Nichtraucherschutz darf nicht erst im Wirtshaus beginnen! Das ist ein gesundheitspolitisches Thema. Unser Ziel muss sein, dass die Jugendlichen gar nicht mit dem Rauchen beginnen. Dieses Thema jetzt auf dem Rücken der Gastwirte auszutragen ist nicht gerecht.

Aber war es nicht schon vor Jahren absehbar, wie sich die Lage entwickeln würde? War der Widerstand nicht etwas kurzsichtig?

Das Parlament hat dieses Gesetz erst vor einem Jahr wieder bestätigt.

Seit 1. Jänner ist das Kleine Glücksspiel an Automaten in Wien verboten. Viele Spieler und Spielsüchtige geben zu, dass sie erleichtert sind. Die Wirtschaftskammer war trotzdem gegen dieses Verbot. Warum?

Weil die Wirtschaft für die Eigenverantwortung der Menschen eintritt und die Überfülle der Gebote und Verbote ablehnt.

Sie präsentierten diese Woche ihre Kandidaten mit Migrationshintergrund für die Wirtschaftskammerwahlen. Welche Bedeutung haben Zuwanderer für die Wirtschaft?

Eine sehr große. Sie ergänzen und bereichern das wirtschaftliche Leben in unserem Land. Österreich ist groß geworden durch Zuwanderung. Österreichische Identität und österreichische Kultur wäre ohne Migration nicht denkbar.

37 Prozent der Wiener Unternehmer haben Migrationshintergrund – aber nur zehn Prozent der Kandidaten des Wirtschaftsbunds. Wieso sind sie bei Ihnen nicht stärker vertreten?


Wir haben zum Glück viele erfolgreiche Unternehmer mit Migrationshintergrund. Jetzt müssen wir sie nur noch dazu motivieren, sich verstärkt politisch zu engagieren. Dann wird sich dieses Zahlenverhältnis schnell ändern.

Landesweit ist die Beteiligung ja noch viel geringer als in Wien...

Wir würden uns wünschen, dass sich österreichweit noch mehr Unternehmer mit Migrationshintergrund für ein politisches Engagement bereitstellen würden. Wien ist diesbezüglich eine Ausnahme. Wien hat eine besondere Attraktivität für Zuwanderer. Und das verstehe ich auch. Wenn Österreicher nach Serbien gehen würden, würden sie auch nach Belgrad gehen und nicht sonst wohin.

Welche Bedeutung hat die Balkanregion für die österreichische Wirtschaft?

Österreich ist gerade in Kroatien, Serbien und Bosnien-Herzegowina Nummer-Eins-Investor. Das heißt, dass wir Österreicher großes Vertrauen zu diesen Ländern haben, dankbar sind für das Vertrauen, das wir zurück bekommen. Wir arbeiten auf der Ebene der Wirtschaftskammer gut zusammen. Und auch als Ehrenpräsident der europäischen Wirtschaftskammer tue ich alles, damit diese Kammern schon heute alle Teil der europäischen Familie sind – nicht nur Kroatien, sondern auch Serbien und Bosnien-Herzegowina.

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