RELIGION 19.06.2015

Islamglossar ignoriert Balkan-Muslime

© ÖIF
Der Österreichische Integrationsfonds und die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich haben ein Islamglossar herausgegeben. In diesem Werk finden die Balkan-Muslime als zweitgrößte muslimische Community keine Erwähnung.

Das Thema Islam hat in der letzten Zeit eine Hochkonjunktur, die Notwendigkeit nach einem Islamglossar scheint mehr als berechtigt. Dieser Aufgabe waren sich der Integrationsfonds und die Islamische Glaubensgemeinschaft wohl bewusst. Ihr diese Woche publiziertes Glossar auf 76 Seiten hat zum Ziel "einfach und prägnant wesentliche Begriffe des Islams" zu sammeln und zu erklären, wie die ÖIF-Webseite anführt.

Große Community unerwähnt

Bereits der erste Blick in diese Broschüre zeigt aber, dass die Autoren einige zahlenstarke muslimische Communitys in Österreich unerwähnt ließen oder einige Begrifflichkeiten nicht vollständig erklärten. Wenn man in diesem Glossar blättert, hat man beispielsweise das Gefühl, dass in Österreich ausschließlich Muslime aus dem arabischen bzw. türkischsprachigen Raum leben. Dass dem nicht so ist, zeigen die bloßen Daten: die zahlenstärkste muslimische Community sind ethnische Türken mit etwas mehr als 112.000 Gläubigern (2012). Gleich an die zweiten Stelle kommen Bosniaken aus Bosnien-Herzegowina mit rund 51.000 Personen. Aus anderen Balkanländern wie Mazedonien, Albanien, Montenegro oder Kroatien stammen 37.118 Personen. Insgesamt leben also rund 90.000 balkanstämmige Muslime in Österreich. Wenn man noch eingebürgerte Personen dazu nimmt, sind die Zahlen noch wesentlich höher. Auch diese Muslime haben ihre religiösen Praktiken, feiern islamische Feste, benutzen islamrelevante Begriffe. Speziell mit muslimischen Bosniaken hat Österreich auch lange historische Beziehungen. Vom österreichischen Staat wird immer lobend betont, wie Österreich das erste westeuropäische Land war, das 1912 ein Islamgesetz verabschiedete – gerade wegen der Bosniaken. Es sind auch heutzutage gerade Bosniaken, welche die längste Tradition eines von Österreich sehr gerne propagierten „Islams europäischer Prägung“ pflegen.

Doch wenn wir das Glossar aufschlagen, bekommen wir dieses Gefühl nicht. An dieser Stelle seien nur einige Begriffe anzuführen, bei denen die Autoren des Islamglossars zumindest auch einen Verweis auf die Balkan-Muslime hätten geben müssen.

Verweise vergebens gesucht

So steht beim Eintrag „Bayram“ Folgendes: „Türkische Bezeichnung für Feiertag, unter anderem auch für die zwei wichtigsten Feste des Islam (Fest des Fastenbrechens, Opferfest).“ Das Wort „Bayram“ ist tatsächlich türkischen Ursprungs, es hat sich aber seit mindestens einem halben Jahrtausend in den Ländern des Balkans eingebürgert. Im Bosnischen, das mehrheitlich von muslimischen Bosniaken gesprochen wird, aber auch im Kroatischen, Serbischen und Mazedonischen ist „Bajram“ bzw. „Бајрам“ die einzige Bezeichnung für die zwei wichtigsten Feste des Islams. Beim Begriff „Dschamia“ verweist man wieder nur aufs türkische „Camii“, nicht aber aufs bosnische „džamija“, das in seinem Lautbild dem definierten Eintrag ähnlicher ist. Ähnliches ist auch beim Eintrag „Hodscha“ zu beobachten, der für die Autoren lediglich „eine Bezeichnung für türkische Imame in Moscheen“ bedeutet: Hodschas gibt es gerade unter der Bezeichnung aber in ganz Bosnien-Herzegowina und am Balkan bzw. in der bosniakischen bzw. balkanmuslimischen Diaspora in Europa und der Welt. Da wir uns gerade im Monat Ramadan befinden, wäre zum Eintrag „Ramadan“ ein Verweis auf „Ramazan“ sinnvoll gewesen: Denn so bezeichnen türkisch- oder bosnischsprachige Muslime den heiligen Fastenmonat.

„Salam“ und „Selam“

Man muss die Autoren im Generellen loben, dass sie auf der traditionellen deutschen Schreibung islamischer Begriffe bestanden haben. In diesem Glossar wird man keinen „Jihad“ finden, wie es mittlerweile in manchen österreichischen und deutschsprachigen Medien unbegründet der Fall ist, sondern ausschließlich "Dschihad". Auf der anderen Seite beharrt das Glossar aber auf der arabischen Transliteration mancher Termini, obwohl diese bei der Mehrheit der in Österreich lebenden Muslime und auch im Deutschen weniger üblich sind. So stehen im Glossar Einträge wie: „As-salamu alaikum“, während z.B. der Duden bereits die „e“-Formen wie „Selam aleikum“ verzeichnet. Ähnlich gilt auch für „Fatwa“ oder „Lailatu-l-Qadr“. An dieser Stelle wären die „e“-Formen wie z.B. „Es-selamu aleikum (aleykum)“ zumindest als Verweise angebracht gewesen.

Insgesamt lässt sich sagen, dass ein Islamglossar mit wichtigsten Begriffen und einfachen Erklärungen für das österreichische Publikum dringend notwendig war. Aus diesem Grund ist die Absicht der Autoren und Herausgeber zu begrüßen. Andererseits hätte diese erste Ausgabe zumindest den großen muslimischen Communitys in Österreich mehr Rechnung tragen müssen. Es bleibt zu hoffen, dass eine zweite Auflage einige dieser Kritikpunkte berücksichtigt. Damit würden die Benutzer dieser Publikation einen vollständigeren Blick in die Vielfalt der muslimischen Community in Österreich bekommen.

Nedad Memić / KOSMO

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