INTERVIEW 16.01.2015

„Integration ist für manche ein Schimpfwort“

© Marko Mestrović
Žarko Radulović ist Chefredakteur der Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen, einem Portal für Journalisten zum Thema Migration und Integration. Mit KOSMO sprach er über die aktuelle Integrationsdebatte und gab einen Rückblick auf das Jahr 2014.


KOSMO: 2014 hat man 50 Jahre Gastarbeiter gefeiert. Würdigt Österreich die Leistung von Migranten für den Wohlstand genug?

Žarko Radulović: Aus meiner Sicht wird v.a. die Leistung jener ex-jugoslawischen und türkischen Mitbürger nicht ausreichend gewürdigt, die in den 1960 und 1970er Jahren ganz entscheidend zur wirtschaftlichen Entwicklung Österreichs beigetragen haben. Dass diese Menschen 50 Jahre warten mussten, bevor ihnen bei einer oder zwei größeren Veranstaltungen abstrakt „Danke“ gesagt wird, ist schon ein bisschen bezeichnend für den komplizierten Umgang Österreichs mit den einstigen Gastarbeitern. Auch heute spielen viele Migranten einen wesentlichen wirtschaftlichen Faktor, der weiter von vielen unterschätzt und nicht ausreichend geschätzt wird.

Österreichs Bevölkerung wächst dank Zuwanderung, in Wien hat mittlerweile die Hälfte der Bevölkerung Migrationshintergrund. Ist es noch angebracht, von Integration zu sprechen?

Der Begriff wird schon oft überstrapaziert, aber haben wir ein besseres Wort? Sind wir in Österreich wirklich so weit, dass wir nur mehr über Inklusion sprechen können? Fühlt sich ein überwältigender Teil der Migranten in Österreich von der Gesellschaft akzeptiert und können Migranten in vollem Umfang an ihr teilhaben? Kaum. Und ich denke, dass wir noch viele grundlegende Probleme lösen müssen - Stichwörter: politische Partizipation, Dequalifizierung am Arbeitsmarkt, Diskriminierung, Vorurteile usw. Klar ist, dass Wien und Österreich in vielen Bereichen von Zuwanderung profitiert haben und in Zukunft profitieren werden. Aber dies ist noch immer vielen nicht klar. Noch immer fehlt bei zu vielen Menschen das Grundverständnis, dass dieses so wunderbar vielfältige Wien einfach normal ist und Wien ohne Migranten nicht nur fad und keine Weltstadt wäre, sondern kaum überleben könnte.
 
In Ihrem Bericht steht klar, dass die RWR-Karte ihr Ziel verfehlte. Hat Österreich nachhaltig verabsäumt, hochqualifizierte Migranten ins Land zu locken?

Ein kurzer Blick auf die Zahlen zeigt, dass das Ziel gewaltig verfehlt wurde: 2013 wurden weniger als 1.300 RWR-Karten bewilligt, 2014 unwesentlich mehr - geplant waren jährlich 8.000 RWR-Karten. Österreich muss auch in diesem Bereich Versäumnisse aufholen. Zu glauben, dass man Jahrzehnte nichts macht und dann in ein paar Jährchen alles erledigt, funktioniert nicht. Was mir völlig schleierhaft ist: Wir haben mit jungen Menschen, die hier ihr Studium absolvieren, bereits hochqualifizierte Migranten im Land, die sogar gerne hier bleiben würden. Aber sie müssen mit so vielen Hürden kämpfen, dass manche sogar froh sind, wenn sie am Ende in ein anderes Land weiterziehen, wo sie von Anfang an mit offenen Armen empfangen werden.  

Die Medienservicestelle Neue Österreicher/innen bereitet Hintergrundinformationen zum Thema Integration und Zuwanderung. Wie hat sich Ihrer Meinung nach die Integrationsdebatte in den letzten Jahren geändert?

Ich denke, dass sich die Integrationsdebatte im Großen und Ganzen etwas versachlicht hat. Es gibt einige gute Initiativen und relativ junge Projekte, die zu einem sensibleren Umgang mit dem Thema Integration beigetragen haben. Auch in der Medien-Berichterstattung sehe ich kleine, aber umso wichtigere Verbesserungen. Dass jedoch Diskussionen an gewissen Stammtischen oder in bestimmten Gesellschaftszirkeln nach wie vor anders ablaufen und Integration hauptsächlich negativ betrachtet wird und ein Schimpfwort darstellt, ist natürlich auch klar.

Wie reagieren österreichische Mainstream-Medien auf Ihre Berichte? Sind sie für Integrationsthemen offener geworden?

Das Feedback ist sehr positiv und wir genießen eine gute Reputation. Viele Kollegen sind froh, dass es eine Stelle gibt, die Fakten, Zahlen und Hintergrundinfos journalistisch zusammenfasst. Ich denke, dass wir mit unserer Arbeit Kollegen bestmöglich unterstützen und hoffe, dass wir insgesamt zu einem noch schärferen Blick in der Integrationsdebatte beitragen.

Nedad Memić / KOSMO

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