KOSMO-SERIE: 50 JAHRE GASTARBEITER 23.09.2014

In zwei Ländern verwurzelt

© KOSMO / Radule Božinović
KOSMO portraitiert Gastarbeiterschicksale über mehrere Generationen. In Teil 3 unserer Serie trafen wir Rešad Suljić (65), der seit 40 Jahren in Österreich lebt. Der Krieg in Bosnien-Herzegowina hat schließlich seine ganze Familie in Wien zusammengeführt.


Rešad Suljić (65): "Wir sind vor der Armut geflüchtet"

Aus dem Dorf Čekrlije bei Bihać kam er im September 1971 nach Bregenz (Vorarlberg). Er war erst 22 Jahre alt, hatte vier Jahre Hauptschule abgeschlossen und seine Frau war schwanger. Zu Hause war er in der Landwirtschaft und Viehzucht beschäftigt.

„Mein Nachbar riet mir, nach Österreich zu gehen, sein Sohn half mir, einen Pass zu bekommen, aber mein Vater war dagegen. Trotzdem bin ich ins Unbekannte aufgebrochen“, erinnert sich Rešad an seinen Start ins neue Land. Zuerst fuhr er mit dem Bus nach Zagreb, dann mit dem Zug weiter Richtung Österreich. Obwohl ihn ein Landsmann erwartete, der drei Wochen vor ihm gekommen war, fühlte er sich nicht ganz wohl in seiner Haut - es war seine erste Reise ins Ausland. Bereits am Tag nach seiner Ankunft wurde ihm in einer Textilfabrik gesagt, dass er sofort anfangen könnte zu arbeiten. Die Unterkunft in einer Baracke mit Dreibettzimmern war gut und die Arbeiter hatten eine Kantine.

„Auf einer großen Maschine habe ich Bettwäsche gebügelt. Freitags bekam ich meinen Lohn von etwa 500 Schilling, was für mich ein echter Reichtum war. In der Fabrik arbeiteten unsere Landsleute aus ganz Jugoslawien und fast niemand sprach Deutsch. Darum hatten wir zwei Übersetzerinnen aus Zagreb“, erinnert sich Rešad, dessen Ehefrau wenige Wochen später nach Österreich nachkam.

Überstunden und Sparsamkeit

In Österreich herrschte zu jener Zeit Arbeitskräftemangel, darum frage man Rešad in der Fabrik, ob er noch Verwandte oder Freunde aus Bosnien nachholen könnte. Auf seinen Aufruf hin kamen in kurzer Zeit vierzehn Leute und alle erhielten sofort Arbeit.

„Ich habe Überstunden gemacht und habe noch eine Firma gefunden und wir haben es geschafft, innerhalb von sechs Jahren ein Haus im Dorf zu bauen. Als es fertig war, habe ich meine Frau und die drei Kinder nach Hause geschickt, und ich bin nach Wien gegangen, wo ich wieder in einer Textilfabrik angefangen habe. Zweimal im Monat habe ich meine Familie besucht, denn ich hatte schon ein Auto“, erinnert sich Rešad. „Zwölf Jahre lang habe ich Nachtschichten von je zwölf Stunden gemacht, ich habe gut verdient und ich bekam Kindergeld. Ich habe das Geld in Haus und Hof investiert, aber gerade, als ich Anfang der neunziger Jahre plante, zurückzukehren, begann der Krieg“, sagt unser Gesprächspartner traurig.

Flucht vor dem Krieg


Im Jahr 1992, am Vorabend des Krieges, kam Rešads Sohn Dževad nach Wien. In einem einzigen Zimmer lebte der Bursche mit Vater und Onkel und versuchte, in der neuen Welt Fuß zu fassen.

„Es kam mir vor, als wäre ich über Nacht vom Kind zum Mann geworden. Nach Hause konnten wir nicht wegen des Krieges, und meine Mutter und die Schwestern habe ich drei Jahre lang nicht gesehen“, erinnert sich Dževad.  Der junge Mann gewöhnte sich schnell an die neue Lebensweise, arbeitete zehn Jahre an einer Tankstelle, bevor er eine eigene Autoreinigungsfirma eröffnete, die er elf Jahre leitete.

Inzwischen hatte Dževad seine Frau Smaila kennengelernt, mit er heute einen 14-jährigen Sohn hat. „Wir sind eine gut integrierte Familie, aber wir bewahren die Verbindung zu unseren Wurzeln. Sogar unser Sohn sagt, er ist mehr Balkaner als Österreicher. Wie es mit der nächsten Generation wird, wird bis zu einem gewissen Grade auch von uns abhängen“, ist Dževad überzeugt.

Vor fünf Jahren kam auch Rešads ältere Tochter Sebina nach Wien, und er selbst ging nach vollen 40 Arbeitsjahren in Österreich in Pension. Heute verbringt er immer mehr Zeit mit seiner Frau in Bosnien.

Der 65-Jährige hat es niemals bereut, dass er sein Arbeitsleben in der Alpenrepublik verbracht hat, aber er bedauert manchmal, dass er keine Bedingungen dafür schaffen konnte, dass seine Familie bei ihm lebt.

Vera Marjanović / KOSMO

Lesen Sie auch Teil 1 und Teil 2 unserer Gastarbeiter-Serie.

Die zweite und dritte Generation - gekommen um zu bleiben


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