INTERVIEW: NINA KUSTURICA 24.06.2015

„In Sarajevo hätte ich keinen Platz“

© zVg.
Die Filmemacherin Nina Kusturica flüchtete als 17-Jährige vor dem Krieg in Bosnien-Herzegowina nach Wien. Die Erlebnisse ihrer Kindheit und Jugend spiegeln sich auch in ihren Arbeiten wider.

KOSMO: Dein Theater-Regiedebüt „Pappà Leone“ hatte vergangene Woche Premiere. Worum geht es in dem Stück?

Nina Kusturica: "Pappà Leone" ist ein Stück über Leone, einen Mann in der Midlife-Cirisis. Er ist ein Schauspieler der schon eine beachtliche Karriere hatte und kurz vor der Theaterpremiere alles zu hinterfragen beginn. Es geht ums Sohn sein, es geht ums Vater sein, ums Mann sein. Es war für mich auch ein Zurückkehren zu den Themen meiner Heimatregion, dem Temperament und der Art des Sprechens, auch des vielen Schimpfens – das fand ich sehr schön und befreiend (lacht).

In Pappa Leone arbeitest du mit der kroatischen Autorin Olja Runjić und den kroatischen Schauspielstar Leon Lučev. Bisher hattest du nicht so viele bekannte Projekte mit Menschen aus der Balkan-Community…

Meine Arbeiten waren eigentlich immer sehr gemischt. Meine Mutter ist Schauspielerin und hat in einigen meiner Filme mitgespielt. Ich habe mit afghanischen Jungs, mit Mädchen aus Somalia etc. gearbeitet habe. Derzeit habe entwickle ich einige Geschichten über „unsere“ Lebenswelten und „unsere“ Figuren. Es ist aber nicht leicht. Die Realität, in der wir leben, wo die Menschen sehr durchmischt sind, spiegelt unser Kino nicht wieder. Wenn Ausländer in den Filmen vorkommen, sind sie entweder Opfer oder Täter. Es gibt keine „normalen“ Geschichten. Aber ich finde, genau das könnte der Schlüssel zu einer neuen Gesellschaft sein.

Liegt das daran, dass es so wenige Migranten in der österreichischen Medien- und Kulturwelt gibt?

Das Privileg, Kunst zu machen, gehört einer besonderen Schicht. Die Ressourcen sind überhaupt nicht gerecht verteilt. Es gibt ein wunderbares Projekt von Asli Kislal, bei dem ich unterrichte. Es heißt Diversity Academy und ist eine Ausbildung für junge Schauspielerinnen, die nicht aus privilegierten Familien kommen. Die haben genauso Talent, aber wenig Zugang zum Kulturbetrieb. Das ist etwas, wovon man in Zukunft profitieren kann. Aber die Stadt Wien müsste viel mehr Initiativen setzen.

Du bist in den 1990ern als Flüchtling aus dem Bosnien-Krieg nach Österreich gekommen. Wie beurteilst du die aktuelle Asyldebatte in Österreich?

In Österreich und in ganz Europa ist das ein Thema, das die politisch Verantwortlichen nicht von der sachlichen Seite angehen, sondern von der populistischen – und das alle, nicht nur die FPÖ. Es ist ein Thema, das sehr gut von anderen Themen ablenkt. Es ist ein Thema, das extrem manipulativ genutzt wird. Es sind Zahlen, die eigentlich in Österreich zu managen sind, ohne große Dramen und Zeltstädte. 

Kann man mit Filmen etwas gegen Fremdenfeindlichkeit ausrichten?

Ich glaube, dass man sehr viel machen kann. Mit meinem Film „Little Alien“ über minderjährige Flüchtlinge haben wir in Österreich 30.000 Menschen erreicht und über 200 Diskussionsveranstaltungen abgehalten. Wir haben gesehen, wie dankbar viele Zuseher waren, für diese Möglichkeit, das Leben dieser Menschen zu sehen. Ich finde, dass Kunst ein wunderbarer Raum ist, um auch Empathie für andere Menschen zu entwickeln.

Du bist in Mostar geboren und in Sarajevo aufgewachsen. Wie würde dein Leben heute aussehen, wenn du in Sarajevo geblieben wärst?

Das ist die große Frage, mit der ich mich beschäftige. Wie sehr beeinflusst die Umgebung einen Menschen? Wir haben einen Film gedreht, über Frauen, die mit dem Kindertransport 1938 nach Amerika geflüchtet sind. Das sind heute Ladys mitte achtzig in New York. Wenn sie in Wien geblieben wären, würden sie ganz anders aussehen. Also wäre ich wahrscheinlich eine „Frau in Sarajevo“ (lacht). Ich kann es mir schwer ausmalen. Die Situation in Sarajevo ist furchtbar schwierig. Ich sehe das bei meinen Freunden – vor denen, die sich ethnisch nicht deklarieren können oder wollen, weil sie aus einer gemischten Ehe kommen, so wie ich. Ich hätte keinen Platz, weil du dort jetzt nur zählst, wenn du eine von diesen drei Ethnien bist – und es gerne bist. 

Ich habe gelesen, dass du einen ganz bestimmten Koffer hast, von dem du dich nicht trennen willst. Welche Bedeutung hat er für dich?

Immer wenn ich mir große Fragen stelle oder denke „ich brauche eine bessere Wohnung, oder „ich müsste mehr Geld verdienen“, schaue ich mir diesen Koffer an. Das ist der Koffer, mit dem ich nach Wien gekommen bin, und er ist wirklich sehr klein. Aus diesem Koffer aus habe ich die ersten zwei Jahre gelebt, als wir keine feste Unterkunft hatten und herumgezogen sind. Damals war dieser Koffer mein Begleiter. Heute ist er eine Erinnerung daran, wie wenig man eigentlich braucht. Und das finde ich wichtig.

Zum Abschluss: Was sind deine nächsten Projekte?

Pappa Leone geht ab Herbst auf Tour nach Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Serbien, aber vielleicht auch in andere Länder – unsere Communitys gibt es jetzt ja überall. Ganz intensiv arbeite ich derzeit an meinem nächsten Kinofilm „Ciao, Cérie“, der dieses Jahr fertiggestellt wird. Es ist ein Spielfilm, der in einem Callshop in der Neulerchenfelder Straße in Ottakring spielt. Es geht um das Geschäft und Leben der Ladenbesitzerin, die aus Ex-Jugoslawien stammt. Es geht um die Kunden, die überallhin nachhause telefonieren, nach Nigeria, Senegal, Australien etc. Es wird telefoniert und Geld nachhause Geschickt. Es werden 15 Sprachen gesprochen auf diesen 72 Quadratmetern. Es ist eine Weltreise im Kleinen.

Interview: Ljubiša Buzić / KOSMO

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