INTERVIEW 19.02.2015

„Im Irrenhaus sind meine Bücher ein Hit“

© zVg.
Die Autorin Isidora Bjelica pflegte jahrelang das Image einer emanzipierten, urbanen Skandalautorin. Ihre letzten Bücher haben jedoch die Domäne der Fiktion verlassen und beschreiben den dramatischen Kampf der Schriftstellerin gegen den Krebs.


Isidora Bjelica hat etwa 40 Titel veröffentlicht. Obwohl sie seit mehreren Jahrzehnten in der Literaturszene präsent und beim Publikum äußerst beliebt ist, haben ihr ihre letzten beiden Bücher „Spas“ und „Spas 2“ nie dagewesene Leserzahlen beschert. Wir haben Isidoras Besuch in Wien für ein kurzes Interview genutzt.

KOSMO: In welcher Beziehung stehen Ihre letzten Bücher „Spas“ und „Spas 2“ zu denen, die Sie früher geschrieben haben?

Isidora Bjelica: Diese Bücher sind Teil meiner autobiographischen Prosa und meiner Reiseberichte. Sie gehören zu einer Gruppe von zehn Büchern desselben Genres, die ich geschrieben habe. Auf der anderen Seite stellen „Spas“ und „Spas 2“ einen Tabubruch dar, und das ist etwas, das ich mein ganzes Leben lang gemacht habe. Krankheit ist auf dem Balkan das größte Tabu.

Was unterscheidet die frühere Isidora von derjenigen, die diese Krankheitserfahrung gemacht hat?

Der Mensch ändert sich ständig und auch die Umstände ändern sich. Wir segeln niemals zweimal im selben Fahrwasser. Aber irgendetwas bleibt doch von der alten Person. Ich freue mich unendlich, dass diese Bücher auf diese Art von Verständnis gestoßen sind und dass sie den Lesern helfen. Darum sagen mir Menschen, dass ich in Irrenanstalten, Krankenhäusern und Gefängnissen die meistgelesene Autorin bin – eben überall dort, wo es schwer ist.

Wirkt Literatur als Heilmittel?

Mein Freund Milorad Pavić, ein Schriftsteller, hat mir gesagt, dass wir in einer Zeit leben, in der Literatur interaktiv wird, dass sie für die Leser aus dem Bereich der reinen Rezeption heraustritt, dass sie integrativ und letztendlich auch heilsam wird. Und dass eine Literatur, die diese Eigenschaft nicht zeigt, einfach überflüssig und unnütz wird und zugrunde geht. Ich würde ihm da zustimmen.

Wer oder was ist ihre tägliche Inspiration?

Seitdem ich krank geworden bin, musste ich meine Beziehung zu meiner Umwelt und dem Alltagsleben verändern. Ich lese weniger Tagespresse und pflege weniger Kontakte. Auf Twitter bin ich geblieben, dort habe ich gute Gesellschaft gefunden und finde dort auch Inspiration. Diese täglichen „elektronischen“ Kontakte sind beschränkt, fast schon Zen, aufgrund der beschränkten Anzahl von Zeichen. Für mich ist das eine Inspiration, sogar mehr Inspiration als so manches normale soziale Milieu. Reisen, Twitter und Kinder – das ist das, was mich inspiriert.

Was haben Sie aus Ihrer Erfahrung mit der Krankheit gelernt? Welche Lehren haben Sie daraus gezogen?


Ich war mein ganzes Leben lang von Gerechtigkeit besessen, habe ständig irgendeine Gerechtigkeit verfolgt, aber durch die Krankheit habe ich begriffen, dass das kompletter Blödsinn ist. Der Mensch kann barmherzig sein oder um Barmherzigkeit kämpfen, aber Gerechtigkeit ist unerreichbar. Eine andere Lehre ist, dass wir andere nicht verändern können, uns selbst hingegen schon. Darum habe ich die ungeheure Energie, mit der ich die Welt verändern wollte, auf mich selber, nach innen gerichtet...

Welchen Autoren fühlen Sie sich mit Ihrer Sensibilität nahe?

In der Sensibilität sind mir die Dissidenten-Autoren nahe, Menschen, die viele Anhänger hatten, aber irgendwie doch Randfiguren geblieben sind. Wie zum Beispiel Oscar Wilde. Oder Abenteurer-Autoren wie Hemingway...

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