INTERVIEW 10.06.2015

„Ich liebe das balkanische Chaos!“

© KOSMO / Radule Božinović
Adis Škaljo (33), Musiker aus Zenica, wurde mit dem Sieg bei einem der größten Musikwettbewerbe der Region, „Zvijezda možeš biti samo ti“ („Nur du kannst ein Star sein“) zum Star. KOSMO traf ihn bei einem Besuch in Wien.

KOSMO: Du hast in der Show ZMBT gewonnen. Hat sich damit der Traum deines Lebens erfüllt oder nur einer deiner Träume?

Adis Škaljo: Da ich nicht aus einer Musikerfamilie stamme, wie viele andere Musikern, war die Bühne schon immer mein Traum. Mein Musikschuldiplom und zwei Studienjahre an der Wiener Akademie einmal beiseite, war der Sieg in dieser Show für mich eine echte Bestätigung. Mein Vater zum Beispiel wollte immer, dass ich Harmonika spiele, aber ich finde dieses Instrument ehrlich gesagt widerlich. Mit diesem Sieg habe ich auch gezeigt, dass man auch ohne Akkordeon in der Welt der Musik sehr erfolgreich sein kann! (lacht)

„Tako ti je, mala moja, kad ljubi Bosanac“ (“So geht’s dir, meine Kleine, wenn dich ein Bosnier küsst”) ist das Lied, mit dem du den Sieg errungen hast. Warum hast du gerade dieses Lied gewählt?


Ich habe das Lied nicht deshalb gewählt, weil ich Bosnier bin (lacht), sondern meine Band „Puls“ und die spielen es sehr energisch und wir haben die Instrumente für die Show live eingespielt. Und vielleicht hat auch das zum Sieg beigetragen – alle anderen hatten Studioaufnahmen, aber unser Sound war live und anders.

Als Manager des bekannten Sarajevoer Clubs „Sloga“ und als Musiker hast du ständig Musik in den Ohren. Wann hörst du keine Musik?


Ich muss zugeben, dass ich mich häufig dabei ertappe, dass ich selbst beim Klang der Kirchenglocken irgendwelchen Tönen nachspüre. Vielleicht ist das eine Berufskrankheit. Nur auf dem Heimweg nach einem Konzert höre ich im Auto keine Musik. Egal, wie lange die Fahrt dauert. Dann ist mir überhaupt nicht nach Musik zumute.

Wenn wir von Musik reden, müssen wir einfach auf die Turbofolk-Manie zu sprechen kommen. Was hältst du von dieser Musik, die unsere Region so stark dominiert?


Weißt du, bei uns spielen die Leute diese Musik, um ihren Alltagsproblemen zu entfliehen. Es geht ihnen nicht um die Qualität der Musik, sondern um die Unterhaltung. Aber auch da gibt es Gute. Die Gruppe Miligram ist ein perfektes Beispiel für dieses Neue, die Verbindung einer tollen Rockmusik mit einem volkstümlichen Sänger. Aber das ist ein sehr starker Act, der auch mit echten Rockern mithalten würde.

Was ist für dich kommerziell und was ist Trash?


Viele Leute glauben, sie müssten sagen, dass sie „alternativ“ seien, ob das gut ist oder nicht. Z.B. unsere genialen Bands wie S.A.R.S. und Dubioza Kolektiv waren echte Alternativ-Bands. Und jetzt, wo es für sie gut läuft, sagt man, sie sind kommerziell. Sie sind nicht kommerziell, sondern sie haben angefangen, gute Lieder zu machen, die viele Leute hören. Ich glaube, wir haben dieses Problem mit einigen Begriffen.

Du bist aus Wien nach Sarajevo zur Show gefahren und viele glauben, dass du in Wien lebst…


Ich habe zwei Jahre an der Akademie die theoretische Richtung Renaissance studiert. Die Show fand genau in dieser Zeit statt. Jetzt lebe ich in Sarajevo. Wien liebe ich sehr als Touristenstadt, aber irgendwie habe ich mich hier trotzdem nicht gefunden. Vielleicht bin ich einer der wenigen, die das zugeben. Mir schmeckt mein Kaffee um 12 Uhr in Sarajevo besser als hier am Abend nach der Arbeit. Ich konnte mich nicht an dieses rigide System gewöhnen, wann man arbeitet, wann man schlafen geht und wann man Freunde trifft. Die Fassaden und die Parks sind wunderschön, aber ich liebe trotzdem unsere Unordnung und unsere heimatliche Unvollkommenheit.

Was „von unten“ hat dir hier am meisten gefehlt?

Meinst du, dass ich jetzt „ćevapi“ sage?  – Nein, sicher nicht (lacht). Naja, alles hat mir gefehlt. Ich kann das alles gar nicht in Worten fassen. Ein Spaziergang durch Sarajevo, der länger dauert als hier, bei dem du Freunde triffst, mit denen du wieder auf einen Kaffee gehst, egal, ob du sie auch schon gestern getroffen hast. Hier wird dir niemand aus der Straßenbahn zurufen, dass ihr einen Kaffee trinken solltet. Du musst einmal nach Sarajevo kommen, dann wirst du verstehen, was mir hier alles gefehlt hat.

Interview: Sandra Radovanović/KOSMO

*Adis Škaljo ist Manager des bekannten Sarajevoer Clubs „Sloga“, aus  dem berühmte Namen wie „Bijelo Dugme“, Crvena Jabuka“, „Plavi Orkestar“ hervorgegangen sind. Bei seiner Band „Puls“, deren Auftritte so sind, wie ihr Name besagt, spielt er Keyboard. Jetzt nimmt er als Sieger der Show ZMBT sein erstes Album auf, das er als Preis gewonnen hat.

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