LESERKOMMENTAR 09.01.2015

Ich bin nicht Charlie. Ich bin Kemal

© Privataufnahme
Kemal Smajić, Obmann des Vereins Futurebag und Wiener mit bosnischen und muslimischen Wurzeln, nimmt Stellung zum Charlie-Hebdo-Terroranschlag und den steigenden Ressentiments gegen Muslime in Österreich. Seinen Facebook-Kommentar übernehmen wir ungekürzt.


Ich bin NICHT Charlie. Mein Name ist Kemal. Ich bin Moslem und Österreicher, Bosnier, Europäer und Weltbürger. Vor allem aber bin ich MENSCH. Vielleicht stört diese Konstellation ja einige, für mich ist sie eine Selbstverständlichkeit. Ich verurteile den Angriff von Paris aufs Schärfste und hoffe, dass die Täter gefangen genommen und die verdiente Strafe bekommen werden. Genau wie ich jeglichen Angriff auf Menschen in dieser Welt verurteile, egal unter welchem Vorwand dieser verübt wird. Den Familien der Opfer gehört mein Mitgefühl und ich hoffe sehr, dass sie in dieser für sie dunkelsten Zeit Kraft und Hoffnung finden können.

Ich distanziere mich aber in keinerlei Weise von diesem Angriff, denn ich sehe nicht im Geringsten einen Zusammenhang zwischen mir und den Individuen, welche dieses Verbrechen begangen haben, und sehe auch keinen Anlass, mich oder meinen Glauben, welcher alleine mir gehört, verteidigen zu müssen.

Ich war auch nicht Utøya im Jahr 2011. Noch habe ich damals das Verlangen gehabt, mich von dieser abscheulichen Tat zu distanzieren, oder hätte auch nur im Traum daran gedacht, von einem Vertreter des norwegischen Volkes oder der christlichen Glaubensgemeinschaft zu verlangen, dies zu tun.

Verbrecher sind Individuen oder Gruppierungen von Menschen mit fehlgeleitetem Geist, welche Recht und Unrecht nicht unterscheiden können und unabhängig ihrer ethnischen, politischen, sexuellen oder religiösen Zugehörigkeit beabsichtigt Taten setzen, die anderen Menschen Schaden zufügen.

Heute Morgen um ca. 7:45 Uhr hat der Moderator der meistgehörten Sendung (Ö3-Wecker) im reichweitenstärksten Radio-Sender des Landes (Ö3, tägliche Reichweite von 2,8 Mio. Personen) verlautbart, dass es ihm bei dem Gedanken an den jüngsten Anschlag in Paris selbst sehr schwer fällt, nicht dem Hass auf den Islam nachzugeben. Im Anschluss darauf wird die Meinung eines Zuhörers unreflektiert und unwidersprochen gesendet, in der dieser sinngemäß sagt, dass „solche Anschläge kein Zufall sind, denn der Islam ist eine Religion, welche als einzige solche Sachen akzeptiert, hervorbringt und sogar fördert “. Darauf folgt keine Reaktion der Sendungsverantwortlichen. Es wird zu einer Zeit gesendet, in der die meisten Menschen, und unter ihnen auch Kinder, in Österreich zur Arbeit oder Schule unterwegs sind und eben diese Sendung hören.

Durch diese Aussagen, ob nun vom Moderator oder den Zuhörer, wird weiter dazu beigetragen, die Stimmung zu einem künstlichen Religionenkonflikt hochzuschaukeln. 99,9  % der 1,6 Milliarden Muslime weltweit denken nicht im Traum daran, jemanden aufgrund anderer religiöser Ansichten auch nur zu verurteilen. Auch nur ein Bruchteil der eventuell ultrakonservativen 0,1% der muslimischen Weltbevölkerung ist wiederum gewaltbereit. Dennoch wird ständig vom „islamischen“ Terrorismus gesprochen. Hinter allen verbrecherischen Taten steht ein kranker Geist, welcher nicht durch die religiöse Zugehörigkeit, sondern durch puren Wahnsinn geleitet wird. Hysterie und propagandagestützte Manipulation von Menschen tun ihr Übriges. Gegenseitige Anfeindungen führen dazu, dass die Spirale immer weiter vorangetrieben wird.

Man muss nicht zu den Kreuzzügen, welche in der heutigen Aussage des Ö3-Zuhörers erwähnt worden sind, zurückblicken, um den blinden Hass und die Bereitschaft zu barbarischen Taten von Massen in unserer Welt zu finden. Der Zweite Weltkrieg liegt 70 Jahre zurück. Unzählige blutige Konflikte liegen dazwischen. Aktuell wird ein „Bruderkrieg“ zwischen den gleichgläubigen orthodoxen Christen in der Ukraine geführt.

Mir scheint, als würden wir als Gesellschaft mit unseren technischen Errungenschaften und der weltweiten Vernetzung immer dümmer und anfälliger für Manipulation. Unsere persönliche Konsumgier und die dadurch entstehende spirituelle Leere macht uns immer empfänglicher für leichte Kost und die Schwarz-Weiß-Malerei der heutigen „Medien“. Die auf Sensationen und Verkauf von Werbeseiten und -banner abgerichteten Fehl- oder extrem vereinfachten Informationen werden lanciert, um uns zu lenken und von dem Augenscheinlichen abzulenken: der gezielten Verblödung der Menschheit zum Zwecke der Bereicherung einiger Weniger.

Wachen wir doch endlich auf und fangen wieder an, unseren Verstand zu nutzen!

Leserkommentar von Kemal Smajić

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