COMMUNITY 24.01.2014

Hor 29. Novembar: Der „Anti-Chor“

© zVg.
Der Wiener „Hor 29. Novembar“ ist ein Chor der etwas anderen Art. Im Vordergrund stehen nämlich nicht Gesangsqualitäten, sondern der Spaß an der Sache und das politische Engagement. Wir besuchten den Chor bei seiner wöchentlichen Probe.


Um beim Wiener Partisanenchor zu singen, braucht man keine Gesangsausbildung, eine kräftige Stimme oder musikalisches Vorwissen. Mitmachen kann, wer mitmachen will: Ein spannender Ansatz, den man seit der Gründung 2009 verfolgt. Oder wie es Chorleiterin Jana Dolečki noch mehr auf den Punkt bringt: „Segen und Fluch zugleich“.

Im Keller des Integrationshauses im 2. Wiener Gemeindebezirk treffen nicht nur verschiedene Generationen und Nationalitäten aufeinander, sondern auch Menschen mit verschiedenen Biographien: Studenten, Übersetzer, Philosophen, Künstler, Kellner, ausgebildete Musiker. Dass das Musikalische jedoch bei diesem bunten und sympatischen Haufen an Köpfen und – mehr oder weniger - talentierten Stimmen nicht unbedingt im Vordergrund steht, merken wir gleich zu Beginn der Probe: Erstmal wird gemütlich eine Stunde lang geplaudert, bevor es tatsächlich zur Sache geht. „Die Debatte und der Austausch sind ein wichtiges Element des Chors“, betont man  mehrfach von allen Seiten.

Jugoslawische Fahnen und rote Sterne


Der „Hor 29. Novembar“ ist nicht nur durch seinen Zugang zum Gesang einmalig, sondern definitiv auch durch seine ästhetische und politische Dimension. Die Auftritte finden meistens in Kostümen statt, die denen der Arbeiterbewegung des ehemaligen Jugoslawiens ähneln. Jugoslawische Fahnen sowie rote Sterne gehören ebenso zum Selbstbild des Chors.

„Natürlich ist das äußere Erscheinungsbild ein jugoslawisches, aber längst hat der Chor schon die Grenzen überschritten. Wir singen auch spanische, portugiesische, englische, italienische und deutschsprachige Lieder, die antifaschistische Elemente enthalten und gesellschaftskritische Töne mit sich bringen“, erklärt uns Jasmina Janković, Übersetzerin und langjähriges Mitglied des Chors. 


Der „Anti-Chor“, wie ihn einst sein Gründungsmitglied Saša Miletić nannte, weist auch mit seinem Namen auf das Gründungsdatum der Bundesrepublik Jugoslawien hin. Der 29. November, der Tag der Republik, wurde mit Aufmärschen und Paraden in allen Teilen des ehemaligen Jugoslawien gefeiert.  „Es geht auf keinen Fall um eine Verherrlichung Jugoslawiens oder Titos“, erklärt Janković. „Über Tito singen wir absichtlich auch keine Lieder. Es geht nicht um Personen oder Systeme, es geht eher um das antifaschistische Element, auf welchem die Gründung Jugoslawiens beruhte.“

Auf der Seite der Ausgegrenzten

Immer wieder ist der Chor an verschiedenen politischen Aktionen beteiligt: Man setzt sich für Flüchtlinge, Ausgegrenzte und Minderheiten ein. Das Gastarbeiterthema spielt ebenso eine Rolle wie das Gedenken an Marcus Omofuma oder der Kampf für ein Bleiberecht von Flüchtlingen. Heiße politische Diskussionen bei den Proben, die das Musikalische in den Hintegrund treten lassen, sind wahrlich keine Seltenheit. „Wir versuchen unser Bestes, dass das Musikalische nicht zu kurz kommt“, erklärt uns Jana Dolečki.

Vor vier Monaten hat die profesionelle Musikerin die Chorleitung übernommen. Dass sie mit Begeisterung dabei ist, merkt man nicht nur an ihrer Motivation bei der Probe, sondern auch in jedem Satz, indem sie über den Chor spricht. Sie selbst ist eigentlich mit ihrer musikalischen Ausbildung eine Ausnahme im Chor. „Am Anfang dachte ich mir: Oh mein Gott, das kann nichts für mich sein, vor allem nach 12 Jahren Musikschule, zehn Jahre Band und Singen in einem eingespielten Chor. Aber dann merkte ich, dass diese Art von Chor mich irgendwie doch unglaublich anzieht – vor allem die aktivistische Dimension hat es mir angetan“, erklärt Dolečki die Faszination des Hor 29. Novembar.

Petar Rosandić / KOSMO-Redaktion


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