KOMMENTAR 03.06.2014

Hochwasser und Versöhnung

© zVg.
Könnte das Hochwasser am Balkan ein Impuls für eine positive Veränderung der dortigen Gesellschaften sein? Ein Kommentar von KOSMO-Chefredakteur Nedad Memić.


Im ganzen Unglück, das in den letzten Wochen über große Teile Bosnien-Herzegowinas, Serbiens und Kroatiens hereinbrach, erinnerten sich viele an das am Balkan übliche Sprichwort „Liebe deinen Nachbarn“. Es war berührend, Szenen aus dem schwer überfluteten serbischen Obrenovac zu sehen, in dem kroatische Soldaten Zivilisten retteten. Mit einem Lächeln schauten wir zu, wie in einem großen Guinness-Kessel aus der mehrheitlich serbisch bewohnten nordbosnischen Stadt Prnjavor Zehntausende Portionen Gulasch für das mehrheitlich bosniakisch bewohnte Maglaj zubereitet wurden. Freudentränen von Bewohnern aus Doboj, als sie von den Raftern aus Bihać und ihren Nachbarn aus dem nahen Tešanj gerettet und mit Nahrungsmitteln erstversorgt wurden, werden wir so leicht nicht wieder vergessen. Vor einigen Tagen sah ich im bosnischen Fernsehen eine Reportage aus der Stadt Bosanski Šamac in Nordbosnien. Einwohner dieser durch das Hochwasser arg geplagten Stadt schickten unisono eine klare Botschaft: Hören wir nun endlich auf, Menschen nur durch ihre Nationalität zu definieren.

Tatsächlich hatten wir seit einem Vierteljahrhundert keine bessere Gelegenheit dazu, Versöhnungsprozesse in der Region ernsthaft einzuleiten. Wird diese Katastrophe aber die Menschen am Balkan nun endgültig näher bringen, oder werden ethnische Oligarchien, die sich insbesondere in Bosnien-Herzegowina nur durch das gegenseitige Hassschüren an der Macht halten, die verarmte Bevölkerung wieder entlang der ethnischen oder religiösen Grenzen spalten? Das Jahrhundertwasser am Balkan könnte neben allem Leid auch eine große Lehre mit sich bringen: In Zukunft müssten wir viel mehr Energie dafür einsetzen, mehr Vertrauen und Zusammenarbeit in der Region zu schaffen, anstatt uns zu hassen. Niemand verlangt von uns, dass wir die schmerzhafte Geschichte vergessen, das Konzept der Brüderlichkeit und Einheit ist mit dem Tod Jugoslawiens endgültig verschwunden. Nun ist aber die Zeit gekommen, dass weise Köpfe aus allen ethnischen Gruppen am Balkan den Weg finden, diese Region von einem hasserfüllten Krisenherd in eine Oase der Zusammenarbeit zu verwandeln. Wir haben gerade der ganzen Welt gezeigt, dass wir es können!

Nedad Memić / KOSMO

Mehr zum Thema:

Versöhnung im Angesicht der Katastrophe

Bundesheer-Konvoi unterwegs nach Bosnien

"Helfen ist unsere Pflicht"

Hilfsaktion für Bosnien und Serbien in Österreich

Nachbar in Not für Flutopfer am Balkan gestartet

Schweiz spendet 2,6 Millionen Euro

Balkanstars helfen mit Geld, Helikoptern und Transporten

Überwältigende Solidarität für Hochwasseropfer

Gefahr durch Seuchen und Minen nach Hochwasser

EU-Hilfe: Eine Milliarde Euro für Serbien

Hochwasser erreicht Kroatien: 15.000 Menschen evakuiert

Erste Hilfsaktion für Bosnien und Serbien

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe als PDF zum Nachlesen

COVER STORY:
Österreichs Beschützer
INTERVIEW:
Rap-Legende Juice
REPORTAGE:
Teure Geburstage

Zusendung

Lassen Sie sich KOSMO bequem nach Hause zusenden! Versandkostenbeitrag nur 11,- EUR (10 Ausgaben).
Zum Bestellformular

Facebook