BOSNISCHER FRÜHLING 03.03.2014

„Hier gibt es keine Nationalitäten“

© Admir Dervišević / KOSMO
Trotz nachlassender Medienberichte gehen die Proteste in den Städten Bosnien-Herzegowinas weiter. Unsere KOSMO-Reporterin vor Ort sprach mit den Demonstrierenden in Sarajevo:


Die Unzufriedenheit der Bürger von Bosnien-Herzegowina lag bereits seit Jahren in der Luft. Es war nur eine Frage der Zeit, wann es zu Unruhen kommen würde. Darüber sind sich die meisten Bürger des Landes im Gespräch einig. Bosnien-Herzegowina verlassen jährlich mehr als 20.000 Menschen, über 50 % der arbeitsfähigen Bevölkerung sind ohne Beschäftigung, und jeder fünfter Bürger geht hungrig zu Bett. In den Städten finden nach wie vor täglich Proteste statt. Wir lassen die Demonstrierenden in Sarajevo hier zu Wort kommen:

„Die Politiker haben keine Werte“

„Ich stehe jeden Tag auf der Straße und warte auf Veränderungen. Ich erwarte ein großes Echo unter den Studenten, Gewerkschaftern, Pensionisten und Arbeitslosen. Unsere Lage ist seit Langem schlecht. Die Löhne sind extrem niedrig und unregelmäßig, Pensionen kommen zu spät. Es werden keine Arbeitsplätze geschaffen, es gibt kein Wertesystem. Ich glaube, dass es so nicht weitergehen kann.“

- Hana Obradović (25), Studentin im Masterstudium an der Philosophischen Fakultät

„Proteste sind bürgerliche Pflicht“

„Ich bin gekommen, um meine bürgerliche Pflicht zu erfüllen und meine Mitbürger zu unterstützen. Wir wollen auf die Ungerechtigkeiten aufmerksam machen, die uns seit Jahren zugefügt werden. Ich erwarte viele positive Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft.“

- Lejla Hatibović (60), Doktorin, Spezialistin für Gesundheitsökologie

„Hier gibt es keine Nationalitäten“

„Ich bin hier, um meine Mitbürger in ihrem Kampf für ein besseres Morgen zu unterstützen. Es tut mir leid, dass sich nicht mehr Menschen an den Protesten beteiligen. Es ist höchste Zeit, dass wir uns der Regierung entgegenstellen, die uns seit Jahren national trennt. Hier gibt es keine Nationalitäten, wir sind alle Menschen, die für eine bessere Zukunft der Bürger dieses Landes kämpfen. Wir wollen Arbeitsplätze, Fabriken und einen wirtschaftlichen Neuanfang.“

- Nada Kovačević (52), Pensionistin

„Fordern menschenwürdiges Leben“

„Ich gehe zu den Protesten, um meine Unzufriedenheit zu zeigen. Ich lebe mit meiner Frau von 75 Euro im Monat. Ein solches Leben ist nicht menschenwürdig. Hier gibt es keine Menschenrechte - wir sind alle gefährdet. Alle außer den Politikern, die uns all diese Jahre lang ausgenutzt haben. Ich erwarte, dass sie alle abgelöst werden.“

- Senad Čizmić (58), arbeitsloser Maler

„Ich erwarte radikale Veränderungen“


„Vom ersten Tag an bin ich bei den Protesten dabei. Ich glaube, dass ist der einzige Weg, dass die Politiker die Stimme des unzufriedenen Volkes hören. Wir haben zwanzig Jahre geschwiegen. Ich glaube, dass ab jetzt nichts mehr gleich bleiben wird und dass diese Demonstrationen Früchte tragen werden. Ich erwarte radikale Veränderungen.“

- Emir Hodžić (35), Künstler und Menschenrechtsaktivist

Lejla Bjedić / KOSMO


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