KINDHEIT IM KRIEG 24.02.2015

„Haben Sie schon einmal jemanden erschossen?“

© Buzić / KOSMO
Der Bosnier Ahmed Husagić und John Kon Kelei aus dem Sudan berichten österreichischen Jugendlichen von ihrer Kindheit in Kriegsgebieten.


„Haben sie schon einmal jemanden erschossen?“, „Haben Sie viele Tote gesehen?“, „Ist in Ihrer Nähe schon einmal eine Granate explodiert?“, solche Fragen hört Ahmed Husagić derzeit mehrmals am Tag. Der 39-Jährige hat seine Kindheit während des Kriegs in Bosnien-Herzegowina in der belagerten Stadt Sarajevo verbracht. Gemeinsam mit John Kon Kelei, der als Kindersoldat im Sudan aufgewachsen ist, berichtet er österreichsichen Schülern im Rahmen der Aktionswoche „Kinder im Krieg“ des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien von seinen Erfahrungen.

 „Mir ist es wichtig, den Jugendlichen zu vermitteln, dass Krieg etwas sehr Reales ist, und kein Computerspiel“, erklärt Husagić, der seit 13 Jahren in Wien lebt und hier Politikwissenschaft studiert hat. Er selbst war gerade einmal sechzehn Jahre alt, als der Krieg in seine Heimatstadt Sarajevo kam. Vieles, was in den dreieinhalb Jahren der Belagerung Sarajevos für ihn normal geworden ist, rüttelt heute nicht nur seine jungen Zuhörer auf, sondern auch ihn selbst: „Die ersten Gruppen, denen ich von meinen Erlebnissen erzählte, waren für mich die schwierigsten“, erklärt Husagić.

„Es hätte auch mich treffen können“

Kein Strom, kein Wasser, kalte und dunkle Wohnungen – das sind die Erinnerungen, die seine Jugend bestimmten. Die ständige Knappheit und die langen Wartezeiten für Lebensmittel haben sich ihm eingeprägt. Ebenso wie die Hilfspakete aus dem Ausland: „Wir bekamen haltbare Lebensmittel, die 1969 abgepackt worden waren. Sie waren noch nicht abgelaufen, aber es war schon absurd, als 16-Jähriger etwas zu essen, dass fast doppelt so alt war wie du“, erinnert er sich heute mit schwarzem Humor. Andere Erinnerungen sind schwieriger zu vermitteln. Schwerverletzte auf der Straße zu sehen, wurde irgendwann fast schon Alltag. Schüsse und Granateneinschläge wurden zur Normalität des Kriegs. Eines Nachts wurde eine Frau in der Wohnung direkt unter seinem Kinderzimmer von MG-Schüssen getötet. „Es hätte genauso leicht mich treffen können“, weiß der Bosnier.

250.000 Kindersoldaten weltweit

Auch sein Vortrags-Kollege John Kon Kelei hat vieles gesehen und erlebt, das den Zuhörer erschüttert. Er selbst war Kindersoldat im Sudan. Heute ist er Anwalt und setzt sich für die Rechte von jungen Menschen ein, die vom Krieg und Not betroffen sind und arbeitet an Rehabilitierungs- und Resozialisierungsprogrammen von ehemaligen Kindersoldaten. „Man sollte diesen Kindern mit genauso viel Liebe und Respekt begegnen wie jedem anderen Kind“, fasst er seinen persönlichen Auftrag zusammen.

Laut Angaben der Vereinten Nationen sind alleine in den vergangenen zehn Jahren zwei Millionen Kinder in Kriegen umgekommen. Rund vier Millionen haben dauerhafte körperliche Beeinträchtigungen davongetragen – vom Verlust des Augenlichts oder Gehörs bis zu ganzen Körperteilen. Täglich verlieren Kinder durch Kriege ihr Zuhause, haben keinen Zugang zu Bildung oder medizinsicher Versorgung. Derzeit gibt es 250.000 Kindersoldaten in 50 Ländern, die entführt, ihren Familien entrissen und mit Drogen und psychischen Druck gefügig gemacht wurden.

Pazifstischer Auftrag

Die Bilder und Informationen der Ausstellung sind für die jungen Besucher nicht ganz leicht zu verkraften. Während Kelei und Husagić von ihren Erlebnissen berichten, hören die Schülerinnen und Schüler aus der vierten Klasse der Neuen Mittelschule Lang-Enzersdorf aufmerksam zu. Ihre Lehrerinnen Frau Fasching und Frau Gans sind in den vergangnenen Jahren bereits mehrmals mit Schülern hier gewesen. „Wir haben die Kinder vor dem Besuch natürlich darauf vorbereitet“, erklären die Pädagoginnen. Die Jugendlichen bekamen Zeit, sebst Informationen über Kindersoldaten und Kinder im Krieg zu recherchieren und in der Klasse zu besprechen. Die Konfrontation mit dem Thema ist ein wichtiger Teil des Geschichtsunterrichts.

Diese Art von Bewusstseinsbildung ist auch Georg Rütgen vom Heeresgeschichtlichen Museum wichtig. „Wir sehen uns selbst streng im pazifistischen Auftrag“, erklärt Rütgen. „Das Projekt findet bereits zum sechsten Mal statt und wird von Jahr zu Jahr erfolgreicher.“ Über 1.700 Besucher wurden alleine im Rahmen der diesjährigen Aktionswoche durch die Ausstellung geführt, darunter 80 Schulklassen im Alter von 14 bis 20 Jahren aus ganz Österreich, ebenso wie Angehörige des Österreichischen Bundesheers.

In den knapp 90-minütigen Führungen wird der historische Bogen von Konflikten der jüngeren Zeit bis hin zur österreichischen Vergangenheit in der Zeit des Nationalsozialismus gespannt. „Wir merken, dass das Eindrücke bei den Schülern hinterlässt“, ist Rütgen überzeugt. „Unser aller Ziel sollte sein, dass niemand von diesen Jugendlichen so etwas  selbst erleben muss.“

Ljubiša Buzić / KOSMO

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