SPRACHE 15.10.2014

Grazer singen Hrvatski

© Anna-Magdalena Druško
Wer bei Sprachkurse nur an Klassenzimmern und Prüfungen denkt, der hat sich geirrt. In Graz gibt es monatlich kroatische Singabende, an denen Österreicher mit der kroatischen Sprache vertraut gemacht werden.


„Svako misto svoju feštu ima, svako misto ima svoj dan,…“ ertönt es aus den Räumlichkeiten des Harmonikazentrums in der Grazer Griesgasse. „A fešta draga je svima, jer tu se piva po cili dan…“ singen überwiegend Frauen-, aber auch ein paar Männerstimmen weiter. Mal zu hoch, mal zu tief, mal etwas schief, aber die Klänge sind erfüllt mit Spaß und Freude.

Es ist der zweite Montag des Monats und somit kroatischer Singabend im Harmonikazentrum. „Sprache verbindet und Musik auch“ – so kam der Leiter des Harmonikazentrums, Wolfram Märzendorfer, vor zwei Jahren die Idee, einen Sprachkurs der etwas anderen Art anzubieten. Der Vollblutmusiker wohnt schon lange in der Griesgasse, einer Gasse, welche vor allem für ihre Multikulturalität bekannt ist. Flaniert man an den graffitibesprühten Gebäuden vorbei, entdeckt man kroatische Cafés und Lokale, türkische Läden, rumänischen Nachtclubs, eine Bäckerei mit Balkan-Spezialitäten.

Integration andersherum

„Ich habe alle Veränderungen in der Griesgasse miterlebt – auch den stetigen Zuzug von Flüchtlingen aus Bosnien-Herzegowina und Kroatien. Die Sprachlandschaft, die sich uns heute hier bietet, ist äußerst facettenreich und bietet ein unglaubliches Potential um Neues kennenzulernen“, beschreibt Märzendorfer die Umgebung des Harmonikazentrums und ergänzt mit einer Begründung für sein Engagament: „Wir müssen ja auch ein wenig Ausländisch lernen, um die Fremdheit zu durchbrechen“, so Märzendorfer.

Die muttersprachliche Unterstützung kommt von Marija Vukadin. Die in Bosnien geborene Kroatin bezeichnet sich selbst zwar als „vollkommen unmusikalisch“, übersetzt und lehrt aber begeistert und stets mit einem Schmunzeln im Gesicht die einfachsten kroatischen Phrasen. Die grammatikalischen Erklärungen stehen hierbei ebenso im Hintergrund wie die richtige Rechtschreibung – es geht rein um die gesprochene Sprache. Die Hauptsache ist, man traut sich zu sprechen und kann sich mit seinen Nachbaren verständigen.
„Večeras je naša fešta, večeras se vino pije…“, während die Anwesenden brav versuchen, die richtige Aussprache des Liedes zu erwischen, schnappt sich Märzendorfer, der die Abende immer auf der Gitarre begleitet, auf einmal die Ukulele und hebt die Stimmung in dem doch recht kleinen Raum nochmals an. Vukadin schenkt gerne noch ein Glas Plavac nach und entschuldigt sich, dass es heute keine Balkan-Spezialitäten zu Verkosten gibt. Von Fritule über Burek bishin zu Uštipci durften die TeilnehmerInnen schon einige traditionelle Happen genießen.

Vom Bier und dem weiten Meer

„Nek se igra, nek se piva, jer ko ne piva dalmatinac nije…“ - „Achtung, in dem Fall bedeutet ‚piva‘ nicht Bier, sondern ‚pjevati‘ im dalmatinischen Dialekt“, erklärt Vukadin. Die ausgewählten Lieder bringen immer einfache Texte mit sich, gehen leicht ins Ohr und bringen etwas Kulturelles, typisch Kroatisches mit sich. Die Wörter werden übersetzt und in einfachen Gesprächen genutzt. Zwischen den Liedern gibt es immer wieder Smalltalk-Übungen: „Kako ste?“ „Što radite?“ „Gdije živite?“

Etwa zehn TeilnehmerInnen sitzen rund um den Tisch im Harmonikazentrum. Auffallend mehr Frauen als Männer: „Das ist aber nicht immer so, wir sind wirklich eine bunt gemischte Truppe“ meint Märzendorfer.

Die Zugänge und Erwartungen an den Sprachkurs sind genauso unterschiedlich wie die Gründe ihn zu besuchen. Rita, eine Teilnehmerin, erzählt, wie sie durch eine Zeitungsannonce auf die Veranstaltung aufmerksam wurde und von ihrem Vater, dessen Muttersprache Serbokroatisch war: „Mit der Melodie von ‚Slatka mala Marijana‘ bin ich aufgewachsen. Es war so berührend, das Lied hier nach Jahren mal wieder zu singen“

Andrea berichtet bereits in fließendem Kroatisch, dass sie im Sommer sechs Wochen in Dubrovnik verbrachte und fleißig die Sprache erlernte. Den Kurs empfahl ihr eine Freundin, seitdem lässt sie keinen Termin aus. Andreas gute Sprachkenntnis ist eine Ausnahme – die meisten Anwesenden sprachen kaum, vereinzelt ein wenig Kroatisch. „Zwischendurch ‚verirren‘ sich auch Muttersprachler zu den Singabenden, das macht sie dann noch lebendiger“ berichtet Vukadin.

„Zum Abschluss singen wir jetzt aber noch unser erstes Lied,“ wünscht Märzendorfer, während die sprachlichen Singtalente ihre Liedtexte aus den Mappen kramen. Wo das dalmatinische Volkslied noch etwas schief und unsicher klang, so heben sich nun die Stimmen und werden kräftiger. Die Truppe stimmt ein Lied an, welches die Meisten bereits auswendig können: „Sve ptičice iz gore, sve ptičice iz gore spustile se na more…“ ertönt nun aus dem Harmonikazentrum und selbst wenn niemand der Anwesenden jemals eine Arbeit auf Kroatisch verfassen wird können, so wissen doch alle, wie man sich richtig zuprostet und dass die Vögelchen sich Richtung Meer senken.

Anna-Magdalena Druško / KOSMO

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