TRAUER IN GRAZ 22.06.2015

Graz: „Herkunft des Täters sollte keine Rolle spielen“

© zVg.
Graz trauert. Graz weint. Graz steht unter Schock. Die Amokfahrt vergangenen Samstag bringt eine gesamte Stadt aus der Fassung. KOSMO sprach mit Menschen aus der bosnischen Community in Graz.

Die Herrengasse umgibt heute noch immer eine Stille. Schwarze Fahnen wehten nicht nur vor der Stadtpfarrkirche, sondern auch vom Dom, der Landesregierung und anderen Gebäuden. Kerzen, Bilder und Blumen füllen die Ecken der Innenstadt. Am Samstagmittag waren bei der Amokfahrt eines 26-Jährigen Mannes drei Menschen getötet und 36 weitere verletzt worden. Der Amokfahrer Alen R. kommt aus der Umgebung von Graz, ist verheiratet, hat zwei kleine Söhne und bosnische Wurzeln. Die Polizei berichtet von einer Wegweisung im Mai, die möglicherweise eine Psychose ausgelöst haben könnte, welche zur Wahnsinnstat führte.  Die Herkunft des Täters sorgte jedoch mehr für Aufregung als sein Krankheitsbild. Wir fragten in der bosnischen Community von Graz nach, inwiefern die Herkunft eine Rolle spielt und wie man sich, zwei Tage nach der Wahnsinnstat, fühlt. 

Sandy Lopičić, bosnisch-österreichischer Musiker: „Als hätte man eingeatmet und könne nicht ausatmen“

„Es fällt mir schwer, alles richtig zusammenzureimen - ich fühle mich ein wenig als hätte ich eingeatmet aber kann nicht ausatmen. Der Schock der Geschehnisse sitzt tief, aber auch der Schock darüber wie damit umgegangen wird. Jeder sucht Antworten und jeder will seiner Traurigkeit Ausdruck verleihen, aber was mir in den letzten zwei Tagen auf sozialen Medien unterkam ist furchtbar. Es taucht ein Vokabular auf, welches total absurd ist. Außerdem finde ich es schockierend, dass die Herkunft des Täters für mehr Gesprächsstoff sorgt, als sein Krankheitsbild. Dabei hat der ethnische Background nichts damit zu tun. Und wenn dann auch noch jemand menschliches Leid für politische Zwecke nutzt, dann falle ich wirklich aus allen Wolken.“

Jakša Buljubašić, Vorsitzender des MigrantInnenbeirats: „Tragödien darf man nicht politisieren“


„Meine KollegInnen im MigrantInnenbeirat der Stadt Graz und ich, sind von dieser ungeheuerlichen Amokfahrt zutiefst betroffen. Unser Mitgefühl richtet sich an die Familien der Opfer dieser unfassbaren Tat, sowie auch an die Grazer Bevölkerung. Wir sind aber auch erschüttert über das empathielose Posting von Herrn Strache auf Facebook. Es tut niemanden gut, diese Tragödie zu politisieren, gerade jetzt, wenn die Details und Motive nicht ganz geklärt sind. Was passiert ist, ist einfach inakzeptabel und sollte von allen friedliebenden Menschen auf das Schärfste verurteilt werden.“

Emina Šarić, Frauenberatungsstelle Divan: „Psychologische Betreuung für Männer oft ungenutzt.“

„Wenn eine Wahnsinnstat geschieht, dann verstehen wir das nicht. Wir bekommen Angst und versuchen diese zu lindern. Dabei beginnen viele zu etikettieren. Suchen politische, nationale oder religiöse Hintergründe, die als Motiv dienen könnten. Wir gehen bei Divan heute zwar unserer Arbeit wieder normal nach, doch die Geschehnisse haben uns am Wochenende den Atem geraubt. Zwar ist die Frau des Täters keine Klientin von uns, doch wir sind auch von ihrem Fall betroffen. Wegweisungen aufgrund häuslicher Gewalt gibt es oft und die psychologische Betreuung für Männer ist in diesem Fall oft ungenutzt.“

Ilma Sadiković, Studentin: „Ich bete für die Opfer und die Angehörigen“


„Ich habe den ganzen Tag geweint. Meine Schwester war in der Stadt unterwegs und ich konnte sie nicht gleich erreichen. Sie hörte den Wagen und das Geschrei, erzählte sie mir später, und sprang in ein Geschäft in der Herrengasse. Wenige Momente später raste der Wagen vorbei. Wenn ich mir vorstelle, was hätte geschehen können, dann bekomme ich noch immer Gänsehaut. Dass der Täter auch Bosnier war, so wie wir, ist mir eigentlich egal. Aber ich habe Angst, dass viele Menschen nun denken, wir wären alle so. Dabei ist es doch egal, ob Mann oder Frau, alt oder jung, Österreicher mit oder ohne Migrationshintergrund! Der Täter war psychisch krank. Meine Freunde sind auch alle sehr schockiert. Wir sprechen viel darüber und ich bete für die Opfer und ihre Angehörigen.“

Anna-Magdalena Druško / KOSMO

Am Sonntag, dem 28. Juni 2015, um 18:00 Uhr findet als Zeichen der Anteilnahme für die Opfer, Angehörigen und Betroffenen ein Trauermarsch entlang der Route des Amokfahrers statt.

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