COMMUNITY 20.03.2015

Glücklich seit 32 Jahren

© KOSMO / Radule Božinović
Nach Österreich kamen sie zur vorübergehenden Arbeit, aber die Ehe schloss die erste Gastarbeitergeneration vom Balkan für immer und ewig. Das zeigt auch das Beispiel des Ehepaares Knežević aus Wien. Die zweite Folge unserer zweiteiligen Serie über die Gastarbeiterliebe.


Milica (60) und Nikola (65) Knežević stammen aus Bosnien-Herzegowina, sie aus Kupres und er aus Kneževo. Milica kam aus Neugier nach Wien, denn in dieser Zeit gingen alle ins Ausland, und Nikola wollte herumkommen, sogar bis nach Australien.

Nikola: „Ich bin 1971 nach Wien gekommen und wollte noch weiter nach Australien. Ich war gelernter Maurer, aber als ich in Österreich die erste Arbeit bekam, sah ich, dass das Arbeiten hier ganz anders war als bei uns. Ehrlich gesagt gefiel es mir nicht, dass ich als Meister auch Tätigkeiten eines Hilfsarbeiters verrichten musste.

Milica: „In der Zeit sind viele junge Leute aus meiner Region ins Ausland gegangen und so kam auch ich 1976 nach Wien, wo ich einen Cousin hatte. Ich wohnte bei ihm in der Wohnung, in der er mit einem Freund lebte, und fand sofort Arbeit als Hilfsarbeiterin in einer Küche.

Nikola: „Ich wohnte mit einem Freund zusammen, hatte ein Auto, arbeitete viel und hatte schon einen großen Freudeskreis gefunden. Und dann trat eines Nachmittags zufällig Milica in mein Leben. Sie war anders als die Mädchen, die ich bis dahin getroffen hatte.“

Milica: „Es war ein Sonntag Anfang September 1977 und ich war mit zwei Bekannten zum Bahnhof gegangen, um meinen Cousin abzuholen, der von zu Hause zurückkam. Als er nicht erschien, schlug mein Bekannter vor, zu zweien seiner Freunde zu gehen, die in der Nähe wohnten. Einer von ihnen war Nikola. Wir trafen ihn ohne Hemd an, braungebrannt und attraktiv. Es war mir ein bisschen unangenehm, dass er so nackt war, darum nahm ich den Kaffee, den er mir anbot, nicht an.“

Nikola:
„Sie war schön, sprach genau wie ich und hatte einen unwiderstehlichen Charme, obwohl sie schüchtern war. Das alles nahm ich an diesem ersten Tag wahr, aber ich dachte nicht an einen Flirt. Irgendwo tief in meiner Seele spürte ich, dass sie kein Mädchen für ein Abenteuer war und ich wollte keine ernsthafte Beziehung. Ich war kein Herzensbrecher, aber ich wusste, was ich wollte und was ich nicht wollte. Ich wollte nicht heiraten!“

Milica: „Eine Woche später ging ich mit einer Freundin in ein Café und sah dort Nikola mit einem meiner Bekannten. Es schien zuerst, dass er kein Interesse hatte, aber als er gehen musste, um seinen Freund nachhause zu fahren, bat er mich plötzlich bat er mich im Café auf ihn zu warten“

Nikola: „Ich kam schnell zurück und fuhr Milica zu der Adresse, an der sie bei ihrem Verwandten wohnte. Allerdings wollte ich mich nicht sofort von ihr trennen und darum blieben wir bis Mitternacht im Auto sitzen und redeten.

Nikola:
„Wir haben von Null angefangen. Ein paar Möbel kauften wir, ein paar bekamen wir von Freunden. Jeden Tag entdeckte ich neue Qualitäten an Milica. Sie widmete sich dem Haushalt und mir, war sanft und treu, hatte dieselbe Mentalität wie ich. Sie war eine echte bosnische Frau, mit der ich alles bekam, was ich wollte. Vielleicht hätte sich unsere Beziehung langsamer entwickelt, wenn ihr Cousin nicht so zornig gewesen wäre, aber ich habe es nicht bereut, dass wir nur drei Wochen nach unserem ersten Treffen zusammengezogen sind.“

Milica:
„Mein Nikola ist kein Mann, der ständig über seine Gefühle redet. Ich glaube, dass es ihm sogar ein bisschen unangenehm ist, mir seine Liebe mit Worten zu erklären. Aber er konnte mir immer zeigen, wie viel ich ihm bedeute, und ich wusste seine Liebesbotschaften zu lesen.“

Nikola: „An meiner Frau mag ich vor allem ihre Toleranz. Geärgert habe ich mich nur, wenn sie zu viel Geld für Kleidung ausgegeben hat. Ich war niemals eifersüchtig, denn sie hat mir keinen Anlass dazu gegeben, und ich habe Vertrauen in unsere Liebe, die schon fast vier Jahrzehnte andauert.“

Milica: „Gestritten haben wir immer vor Silvester, wenn wir die Tanne nach Hause getragen haben. Ich wollte einen großen, ansehnlichen Baum und er einen kleineren, bescheideneren. Bei meinem Mann hat mich gestört, dass er nicht viel in seine Eleganz investierte. Aber auch das hat sich im Laufe der Jahre ausgeglichen. Wir hatten in unserer Ehe keine Probleme, die Erschütterungen ausgelöst haben. Unser Marko ist ein guter und erfolgreicher junger Mann, wir sind gesund und materiell gut versorgt. Wir reisen viel und genießen unsere Tage in der Pension. Wenn ich die Zeit um 38 Jahre zurückdrehen könnte, würde ich ihn wieder heiraten.“

Vera Marjanović / KOSMO

Lesen Sie auch Teil 1 unsere KOSMO-Serie

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