REPORTAGE 05.02.2015

Gestohlene Babys am Balkan

© zVg.
Der Tod eines Babys auf der Säuglingsstation ist für Eltern die größte Tragödie ihres Lebens. Mehrere Tausend Familien auf dem Balkan leben indessen mit einem noch schlimmeren Verdacht – dass ihre Kinder nach der Geburt gestohlen und verkauft wurden.


Sie alle gingen voller glücklicher Erwartungen in den Kreißsaal. Wenig später kam der Schock: „Ihr Baby ist gestorben“, sagten die Ärzte. Keine von ihnen sah den toten Körper ihres Kindes, das Recht auf eine Bestattung wurde ihnen verwehrt und auch die vorgeschriebenen Dokumente bekamen sie nicht.

Eine Welle von Forderungen nach Aufklärung des Schicksals von Tausenden Babys aus verschiedenen Städten in Serbien erhob sich 2001, vor mittlerweile vierzehn Jahren. Die betroffenen Eltern gründeten eine Vereinigung und forderten Hilfe von staatlichen Institutionen und internationalen Organisationen. Ähnliches wird auch aus Bosnien-Herzegowina berichtet. Wir sprachen mit betroffenen Müttern.

„In Tuzla wurden meine Zwillinge gestohlen“


 „Nach zwei Töchtern habe ich im Krankenhaus in Tuzla am 5. August 1993 zwei Söhne geboren. Die Buben waren vital und gesund, ich habe sie sofort zum Stillen bekommen. Aber kurz vor der geplanten Entlassung, sagte man mir, sie müssten noch im Inkubator bleiben“, beginnt die Geschichte von Dragica. Am nächsten Tag wurde ihr telefonisch mitgeteilt, dass die Kinder beide gestorben seien. „Ich bin sofort ins Krankenhaus gegangen, habe gefordert, sie zu sehen und ihre Körper mitzunehmen. Das erlaubten sie mir nicht. Täglich habe ich anschließend die Institutionen in Tuzla besucht. Am Ende wurde mir überall der Zutritt verboten“, erklärt Dragica an.

Statt der Geburtsurkunden für ihre Söhne, die sie Slađan und Mlađan genannt hatte, wurden ihr auf dem Standesamt Urkunden auf die Namen Zoran und Dragan Plauc ausgehändigt. Ein Anhaltspunkt, der Jahre später ihre Aufmerksamkeit auf sich zog – als sie vor einigen Monaten in österreichischen Medien die Nachricht erschien, dass sich eine serbische Staatsbürgerin, in Graz mit ihrer fünfjährigen Tochter im Arm aus dem vierten Stock gestürzt habe, und dass sie erwachsene Zwillinge namens Dragan und Zoran habe.

„Die Freude meiner Familie kann man mit Worten kaum beschreiben. Wir wollten mit einer DNA-Analyse nachweisen, dass das unsere Kinder sind, und erwarteten voller Ungeduld die Resultate“, erzählt Dragica. Die Ergebnisse stellten sich aber als negativ heraus. Die Suche nach ihren Söhnen geht für die Familie Plauc weiter.

„In Kruševac hat man mir die Tochter weggenommen“

 „Nach einer normalen Schwangerschaft folgte am 3. März 1975 die Geburt. Aber es kam zu Komplikationen“ Das ist der Beginn der Geschichte von Ljiljana Milovanović aus Ontario, Kanada, die an diesem Tag im Krankenhaus in Kruševac eine Tochter zur Welt brachte. Als sie nach dem Kaiserschnitt zu sich kam, wurde ihr gesagt, dass das Baby zwei Stunden nach der Geburt gestorben sei. „Meinem Mann und mir wurde nicht gestattet, das Kind zu sehen oder zu beerdigen.“, erzählt Ljiljana.

Kurz nach der Tragödie zog unsere Gesprächspartnerin nach Kanada. Sie wurde Mutter, aber ihr erstes Baby konnte sie niemals vergessen. Bei einem Besuch in Serbien 2011 erlebte sie einen Schock: Sie erfuhr, dass von Krankenhaus zwei Geburtsmeldungen mit gefälschten Unterschriften und unterschiedlichen Daten an das Standesamt geschickt worden waren. In einer der Meldungen wurde das Kind für tot erklärt, in der anderen stand, es habe das Krankenhaus gesund verlassen.

Angaben über eine Bestattung des Babys Milovanović finden sich nirgendwo. Im Krankenhaus wurde gesagt, dass eine sogenannte „Krankenhausbestattung“ stattgefunden habe, aber niemand will offiziell sagen, was darunter zu verstehen ist.  „Ich suche keinen verlorenen Gegenstand, sondern ein gestohlenes Kind“, sagt die Frau immer wieder.

Mein Baby wurde in Niš verkauft

„Meine Tragödie begann am 27. Februar 1971, als ich ohne das Kind, das ich am 18. Februar geboren hatte, aus dem Nišer Krankenhaus entlassen wurde“, sind die ersten Worte von Ružica Tasić aus Niš.

 „Mein Baby war klein, aber lebendig. Ich durfte sie sofort stillen. Zuerst sagten mir die Ärzte, dass es in die Frühgeburtenabteilung musste. Dann teilten sie mir mit, dass das Baby eine schwere Lungenentzündung bekommen habe und dass ich mich auf das Schlimmste gefasst machen sollte“, erzählt Frau Tasić. Früh am Morgen erfuhr sie, dass das Baby an einem Herzfehler gestorben sei. Als sich 2001 die ersten Mütter mit ihrem Verdacht an die Öffentlichkeit wandten, dass ihre Babys gestohlen worden seien, begann auch Ružica nach der Wahrheit zu suchen.

„Mit jedem Dokument, das ich bekam, folgte ein Schock auf den anderen“, erzählt Ružica. Dokumente mit fehlenden Unterschriften und falschen Angaben tauchten auf. Wiedersprüche konnten nicht erklärt werden. Nach langem Warten und vielen Anträgen bekam Ružica den „Obduktionsbefund“, in dem stand, dass es sich um ein Baby handelte, das einige Zentimeter kleiner war als ihres. In der Krankenhauskapelle wurde niemals ein Kind unter ihrem Namen registriert oder auf dem Friedhof begraben. Übers Gericht bekam sie eine Kopie des Dokuments aus dem Klinikbuch. Darin stand: „Die Mutter wurde vom Tod des Babys unterrichtet und will das Kind nicht bestatten.“

„Ich glaube, meine Tochter wurde illegal zur Adoption freigegeben, wahrscheinlich für eine hohe Geldsumme. Das muss in einem Zusammenspiel mehrerer Krimineller ausgeführt worden sein“, schließt Ružica Tasić.

Vera Marjanović / KOSMO

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