KOMMENTAR 27.06.2014

Gavrilo Princip: ein falsches Dilemma

© zVg.
Ein Kommentar von KOSMO-Chefredakteur Nedad Memić zum hundersten Jahrestag des Sarajevo-Attentats.


Heute wird überall auf der Welt mit Friedensbotschaften des Sarajevo-Attentats vom 28. Juni 1914 gedacht, das vorwiegend als Anlass für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs genommen wird. Gedenkfeiern, Konferenzen, Ausstellungen, Konzerte – viele haben versucht, den Ereignissen vor 100 Jahren eine neue und vollständigere Interpretation zu verleihen und dabei auch entgegengesetzte Geschichtsversionen des Großen Krieges aneinander anzunähern. In vielen Aspekten ist dies auch gelungen, jedoch löst ein entscheidender Akteur von damals auch ein Jahrhundert später Kontroversen aus: Gavrilo Princip. Der Attentäter von Sarajevo wird heute noch von den einen als Terrorist verurteilt und von den anderen als Held gefeiert. Zwischen diesen Extremen schweben dann Zuschreibungen wie Nationalist, Anarchist, Mörder. Gavrilo Princip kann dieser Tage alles sein: Großserbe, Serbe, Serbokroate, Jugoslawe, Bosnier. Es scheint, als hätte jeder der zahlreichen Historiker, die kürzlich zu diesem Thema befragt wurden, eine eigene Meinung dazu.

Dabei wird vergessen: Seit 100 Jahren bauen Nationalpolitiken um den damals 19-jährigen Gymnasiasten ein falsches Dilemma auf. Für Österreich-Ungarn war Princip ein großserbischer Terrorist – eine Erklärung, die mit der damaligen Wiener Propaganda einherging. Für das sozialistische Jugoslawien war er ein Volksheld – eine Freiheitsfigur, die sich mit dem Widerstandskampf der Partisanen im Zweiten Weltkrieg leicht assoziieren ließ. Für Serbien bleibt Princip in erster Linie ein serbischer Patriot, den es – meist historisch unreflektiert – zu feiern gilt.

Der propagandistische Missbrauch des Sarajevo-Attentäters wird zweifelsohne noch lange dauern. Dies ist ein Beweis dafür, dass die meisten von uns auch nach einem Jahrhundert nicht im Stande sind, historische Ereignisse von der heutigen Perspektive und persönlichen Erfahrungen losgelöst zu betrachten. Die Geschichte von der Tagespolitik zu trennen, bleibt schließlich eine Lektion, die man vor allem (aber nicht nur) am Balkan noch lernen muss.

Nedad Memić / KOSMO

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