INTERVIEW 24.03.2015

„Gastarbeiter waren keine Opfer“

© Buzić / KOSMO
Ljubomir Bratić ist Philosoph und Publizist. Er arbeitet als Mitglied des Arbeitskreises Archiv der Migration an dem Projekt „Migration sammeln“. Wir sprachen mit ihm über das Leben der ersten Gastarbeiter in Österreich.


KOSMO: Sie arbeiten derzeit am Projekt „Migration sammeln“ für das Wien Museum. Was ist das Ziel des Projekts?

Ljubomir Bratić: Das Ziel ist es, Objekte oder Artefakte der Migration aus der Periode von Anfang der 1960er bis Anfang der 1990er Jahre zu finden und zu dokumentieren. Daraus soll in den nächsten zwei Jahren eine Sammlung für das Wien Museum angelegt werden. Der Auftrag wurde von der MA 17 ausgeschrieben, beteiligt sind der Arbeitskreis Archiv der Migration, das Forschungszentrum für historische Minderheiten und die Initiative Minderheiten.

Warum ist es wichtig, die Geschichte der Migranten zu „sammeln“?

Weil die Migration ein integraler Bestandteil dieses Landes und dieser Stadt ist. Es gibt hier viele Gemeinsamkeiten mit der Arbeiterbewegung oder der Frauenbewegung und deren Forderung nach der Gleichheit in der Gesellschaft. Es ist nach wie vor so, dass die Gesellschaft geteilt ist. Die Statistiken zeigen, dass Kinder von Migranten viel schlechtere Gehälter haben, viel schlechtere Wohnungen, Bildung etc. Wir hoffen, dass sich durch das Hineinbringen der Migranten in die öffentlichen Diskurse, Medien und Institutionen ihre Situation verbessert. Migranten haben einen großen Beitrag zur Gesellschaft gemacht und es geht auch um die Anerkennung dieser Menschen.

Mittlerweile gibt es schon eine zweite und dritte Generation. Wie kann man das Leben der ersten Gastarbeiter vorstellen?

Ich gehöre nicht zu denen, die sagen: „Das waren Opfer“. Sie waren keine Opfer. Trotz des Verlusts, ihrer heimischen Strukturen, haben sie viel bewirkt, nämlich eine sichere Existenz für sich und ihre Kinder aufzubauen. Sie haben Häuser in ihren Herkunftsländern gebaut und sich hier Wohnungen gesichert. Das waren Menschen, die ihr Schicksal in die Hand genommen haben und sich entschlossen haben, wegzugehen. Das ist ein mutiger Schritt.  Sie waren auch Unternehmer ihrer selbst.

Also neoliberale Menschen aus einem sozialistischen System?

Das ist die andere Ebene. Sie haben, wie der Zagreber Essayist Nenad Popović sagt, „mit ihren Füßen“ gegen die soziale Aussichtslosigkeit protestiert, indem sie weggegangen sind. Man muss bedenken: Diese Menschen hatten in Jugoslawien auch keine Arbeitsplätze. Und ihre Art des Protests war das Weggehen.

Wie wurden die Gastarbeiter in ihrer Heimat gesehen?

Wenn ein Gastarbeiter in jugoslawischen Filmen mit gelber Krawatte, schlecht sitzendem Sakko und neuem Mercedes dargestellt wurde, dann war das natürlich ein Klischee. Das war das Bild, das von den dortigen Boulevardmedien dargestellt wurde. Ich vermute, es hatte damit zu tun, dass sie durch ihr Weggehen stillschweigende Kritiker des Systems waren.  Gleichzeitig waren diese Menschen auch Devisenbringer. Das ist eine Linie, die sich bis heute fortsetzt.

Sie sagen, ab den 1990er spricht man nicht mehr von Gastarbeitern, sondern von Diaspora. Was änderte sich?

Definitorisch war Jugoslawien ein Arbeiterstaat. Die Arbeiter waren ein konstitutionelles Element des Staates und der Ideologie. In einem Arbeiterstaat sind die ethnischen oder nationalen Kategorien unwichtig. Und genau das ändert sich mit der Auflösung Jugoslawiens. Damit verschwindet der Begriff des Arbeiters und es entstehen nationale Staaten. Die Arbeiter werden ideologisch zur Nation. Die Verstreuten sind nicht mehr Gastarbeiter sondern die Diaspora.

Kommen wir nochmal zurück zu ihrer Sammlung. Wonach suchen Sie und wie kann man Ihnen helfen?

Es geht uns nicht um „wertvolle“ Objekte, in finanzieller Sicht. Es geht uns um historisch wertvolle Objekte, die Menschen hinterlassen haben, die uns Aussagen über bestimmte geschichtliche Perioden liefern. Diese Objekte, seien es Fotos, persönliche Briefe, Kassetten etc., zeugen von einer Zeit, die wir im historischen Gedächtnis einfangen wollen. Jeder, der Interesse hat, dazu beizutragen, soll sich bei uns melden. (Telefonnummer und E-Mail siehe unten)

Eines der Exponate ist auch eine österreichische Milchpackung mit türkischer Aufschrift, die 2010 für heftige Proteste sorgte. Ist die österreichische Gesellschaft überhaupt bereit, Zuwanderer als normalen Teil der Gesellschaft zu akzeptieren?


Ja und nein. Diese Akzeptanz ist schwierig, aber es gibt für die österreichische Gesellschaft, falls sie eine Zukunft haben will, keine Alternative.

Interview: Ljubiša Buzić / KOSMO


KONTAKT MIGRATION SAMMELN:
Tel.: 0680 24 68 804
Mail: wienmuseum@migrationsammeln.at

www.archivdermigration.at
www.fzhm.at
www.initiative.minderheiten.at
www.wienmuseum.at

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