FUSSBALL-WM 2014 06.05.2014

Bosnien & Kroatien im Fußballfieber

© Peter Provaznik
Einen Monat vor Beginn der Weltmeisterschaft in Brasilien ist der Balkan im Fußball-Fieber. Wir haben die größten Fangruppen in Kroatien und Bosnien-Herzegowina besucht und einige ungewöhnliche Geschichten von Fans der Vatreni („der Feurigen“) und der Zmajevi („der Drachen“) aufgezeichnet.


Wenn am 12. Juni im Stadion Arena Corinthians in Sao Paolo die kroatische Nationalmannschaft aufläuft, werden sie von den etwa 3.500 glücklichen kroatischen Fans auf der Tribüne angefeuert. Sie zählen zu den wenigen, die es geschafft haben, Karten für das erste Spiel der Meisterschaft zu ergattern. Eines der Lieder, die sie singen werden, heißt „Neopisivo“ („Unbeschreiblich“) und stammt von der Band Zaprešić Boys. Marko, Ivan, Bojan, Dominik und Saša von den Zaprešić Boys sind bekannt für ihre Fansongs, die sie vor jedem großen Spiel der kroatischen Nationalmannschaft herausbringen. Ihre Songs werden regelmäßig zu Hits auf den Tribünen. Trotz ihrer musikalischen Erfolge bleiben sie ihren Wurzeln treu. „Wir sind vor allem Fans von Dinamo und Kroatien. Und wir sind alle aus dem selben Viertel“, sagen sie im Gespräch.

Feurige Herzen

Die Geschichte der Zaprešić Boys begann 2005, als sie gemeinsam mit der Gruppe Connect das Lied „Boja mojih vena“ aufnahmen. „Wir sind von einem Spiel zurückgekommen und landeten bei Bojan von Connect im Studio. Es begann spontan, mit ein wenig Alkohol und Albernheit“, erklärt Marko Novosel, der gemeinsam mit  Bojan   Šalamon und Zdeslav Klarić auch alle Lieder geschrieben hat. Inzwischen haben sie mit Liedern wie „Srce vatreno“ („feuriges Herz“) und „Samo jedno“ („Nur eines“), die Meilensteine in der Welt der Fußballfans hinterlassen.

Die Chemie, die im Stadion herrscht, wenn eines ihrer Lieder gespielt wird, lässt sich schwer beschreiben: „In Polen haben sie im Stadion in Posen nach dem Sieg über Irland „Samo je jedno“ aus den Lautsprechern gespielt, die Spieler sind zur Tribüne gekommen und haben gemeinsam mit den 10.000 kroatischen Fans gesungen. Das ist ein unglaubliches Gefühl, wenn du weißt, du bist ein Teil davon. Es ist einfach unbeschreiblich!“

BH Fanaticos: „Wir durchbrechen die Vorurteile“

Fußballfans werden oft mit Hooligans gleichgesetzt. Feindschaften zwischen den Clubs und ihren Fans dominieren in der Berichterstattung. Die Fans aus Bosnien-Herzegowina widerlegen all diese Vorurteile und zeigen, dass man ebenso feurig für sein Land fiebern kann wie auch für einen Club und dabei doch kein Hooligan sein muss. Einigen haben diese Fanaktivitäten im wörtlichen Sinne das Leben gerettet.

Muhamed Gazić Muha aus Gornji Vakuf war einst abhängig von harten Drogen. Seinen ersten Kontakt mit den Drogen hatte er mit 14 Jahren. Mit der Zeit wurde er von vielen zum hoffnungslosen Fall erklärt. Aber vor einigen Jahren schaffte er den Ausstieg. Die Freundschaften zwischen den Fußballfans gab ihm eine Motivation, sich von seiner Sucht zu befreien. Gazić ist schon seit mehreren Jahren „clean“ und ist heute Vorsitzender der Vereinigung „stop ovisnosti“ („Stopp die Abhängigkeit“) und Initiator und Begründer einer großen Zahl von humanitären und Umweltschutzaktionen, an denen er gemeinsam mit den Mitgliedern seines Vereins teilnimmt. Der Fußball ist für ihn eine Therapie und ein Lebenssinn geworden.

Ungleiche Freundschaften

Sein Landsmann Mustafa Idrizović ist Diplomingenieur für Landwirtschaft. In seiner Freizeit arbeitet er an seiner Weiterbildung zum Bergretter – und an der Unterstützung der bosnischen Nationalmannschaft. „Es ist sehr schwer, die Verpflichtungen mit den Besuchen bei Fußballspielen unter einen Hut zu bringen, aber man findet Zeit und Wege.“

Obwohl sie aus derselben Stadt stammen, wirken Gazić und Idrizović nicht wie Typen, deren Wege sich häufig kreuzen. Dennoch treffen sie sich sehr regelmäßig und sind stolz auf die Tatsache, dass sie zur Fangruppe der BH Fanaticos gehören. Sie betrachten sich als eine große Familie, die über die ganze Welt verstreut ist, die aber für ihre Heimat lebt – für Bosnien-Herzegowina.

Fanclub in sechs Regionen

Die BH Fanaticos sind eine Organisation, die im Jahre 2000 in Skandinavien entstand. Die erste Probe war ein Auswärtsspiel gegen Spanien. Fünf oder sechs Burschen waren dabei, als alles anfing. Heute zählen mehr als 1.500 Fans zu ihren registrierten Mitgliedern, die regelmäßig ihren Mitgliedsbeitrag zahlen. Die Organisation der BH Fanatics besteht in sechs Regionen: USA, Skandinavien, Benelux, Deutschland, Österreich und Bosnien-Herzegowina. Als Verein sind sie in Bosnien-Herzegowina, der Schweiz und Deutschland registriert. „Wir hätten nie erwartet, dass daraus eines Tages ein großer Fanclub werden würde“, erklärt uns Samir Deronja, der Vorsitzende der Vereinigung BH Fanaticos.

Deronja ist Graphikdesigner und von klein auf Fan des FK Sarajevo. Er hat uns erzählt, wie er schon als Grundschüler davongelaufen ist, um Spiele in anderen Städten zu sehen. Auf der Tribüne zählt für ihn nur die Freundschaft und die gemeinsame Liebe zur Mannschaft. „Unter uns gibt es natürlich Fans unterschiedlicher Clubs, aber das interessiert uns nicht. Wichtig ist nur, für Bosnien-Herzegowina zu sein. Auf unserer Tribüne gibt es keine Clubabzeichen außer unseren“, erklärt er.

Sanja Vlahović-Zajić und Adnan Učambarlić / KOSMO

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