BLOG: AUSTRIA MEETS BALKAN 11.09.2014

From Belgrade with Love

© Privatfoto
Wenn Österreich auf Balkan trifft: Unsere Bloggerin Nicole Rauscher war in der serbischen Hauptstadt Belgrad zu Besuch. Sie testete die Belgrader Öffis, erlebte einen Zusammenstoß mit serbischen Polizisten und tauchte ins Belgrader Bierfest ein.


Dieses Jahr strömten wieder mehr als eine halbe Million Menschen zum Belgrader Bierfest, um sich bei guter Musik durch die Welt zu trinken. Der Liebe zum Gerstensaft wegen, für die Švabos hinlänglich bekannt sind, hat es mich 2010 dorthin verschlagen. Und liebestrunken von der weißen Stadt denke ich gerne an sie zurück.

In Old Shoes


Als wir vor dem Hostel auf der Straße standen, zweifelte ich kurz am brat, der die Unterkunft gebucht hatte. Der schäbige Plattenbau hatte nie so etwas wie bessere Zeiten gesehen, dessen war ich sicher. Umso größer meine Überraschung, als sich In Old Shoes als herzige, zur Backpacker-Unterkunft umfunktionierte, Mehrzimmerwohnung mit sauberem Gemeinschaftsbad entpuppte. Geraucht wurde am Balkon und von unserem Kabinett neben der Küche sah man in den schön verwachsenen Innenhof. Plus: Es lag in Fallweite des Ušće Parks, der seit dem Medved-Zwischenfall als Location des Belgrader Bierfests diente.

Bevor wir uns dem internationalen Biergenuss widmeten, erkundeten wir den historischen Kern Belgrads samt Festung. Die netten Mädels vom Hostel hatten uns eine Straßenkarte für Touristen, lateinische Schrift, mitgegeben. Abseits der Brankova dominierte allerdings, no na, Kyrillisch, was mich angesichts meiner damals mangelnden Fähigkeiten in ein leichtes Abhängigkeitsverhältnis von meinen bosnisch-serbischen Reisebegleitern beförderte. Deren Beisein ist es aber auch zu verdanken, dass der Kellner im Innenstadtlokal ausdrücklich von der (Touristen-)Suppe abriet. Sowas könne man Landsleuten nicht anbieten.

„Belgrade Beer Fest“

Das Birfest ist das Belgrader Äquivalent zur Donauinsel-Gratisparty, nur besser, zumindest von außen betrachtet. Musikalisch der übliche Festival-Mix mit einer ordentlichen Portion Jugo-Rock, der nach wie vor Massen begeistert. Nachdem wir uns innerhalb von zwei Stunden von Irland bis Serbien getrunken hatten, war ich froh nur über die berühmte Brankov Brücke zu müssen. Bedeutungsschwanger oder alkoholtrunken hatte ich dabei sogar ein bisschen Gänsehaut.

Am nächsten Tag beschlossen wir die Belgrader Öffis zu testen. Weil der etwas betagte Bus  Ähnlichkeit mit den alten Exemplaren der Wiener Linien hatte, stiegen wir vertrauensselig ein. Dass ich mich innerhalb kürzester Zeit mit der drängenden Frage „Werden wir das überleben?“ grünlich an einen Plastiksitz klammerte, war natürlich einzig und allein dem Fahrstil des Chauffeurs zuzuschreiben. Nicht etwa der internationalen Biermischung vom Vortag.

Eine alte Frau, die uns neugierig beobachtet hatte, zeigte plötzlich aus dem Fenster auf die Ruine eines ehemaligen Regierungsgebäudes: „NATO.“ Wir nickten und als sich der Liebste auch noch der Landessprache mächtig zeigte, wurden wir mit Tipps überhäuft. Schließlich trat ein älterer Herr zu uns und deutete in eine Richtung: „Kuća cveća.“ Da müsst ihr hin.

Der „Bus des Todes“ spuckte uns irgendwo in Belgrad mit erhöhtem Adrenalin-Level aus und wir wanderten zu Fuß weiter. Obwohl wir versprochen hatten, Tito zu besuchen, war unser Ziel ein viel Trivialeres: Crvena Zvezda. Dass wir zuerst am keinen Kilometer entfernten Partizan Stadion vorbei mussten, tut hier nichts zur Sache. Auch, dass es uns mehr zufällig als gewollt in die wunderschönen Banjička šuma verschlagen hat, wo rosa Blätter die Wege zieren.

Ein Loch im Zaun

Am Rückweg kamen wir an einer Schule mit angrenzendem Park vorbei. Unter hohen Bäumen, deren Blätter das Sonnenlicht brachen, standen Bänke, die wie ein Einladung wirkten. Das Loch im Zaun tat sein Übriges. Das Sommertagsmärchen fand allerdings ein jähes Ende als ein grimmiger Militärpolizist strammen Schrittes auf uns zukam. Ruhig, aber verdammt ernst, klärte er uns über die Konsequenzen unerlaubten Eindringens in ein militärisches Objekt auf. „Ich schlage vor, ihr verschwindet, bevor ich euch verhaften muss.“ Eilig traten wir den Rückzug an.

Nach dem Hram Svetog Save und der Šopska-Offenbarung mit Beilagendorade besuchten wir ein letztes Mal das Bierfest. Die Erinnerung an diesen Abend ist etwas dunstig. Ich weiß nur noch, dass ich grinsen musste, als die etwas gealterten Punk-Urgesteine Pankrti „Živela Srbija!“ ins Mikro grölten.

Bevor wir uns am nächsten Tag auf den Heimweg machten, spazierten wir noch einmal durch den Kalemegdan zur Festungsmauer, um den Ausblick über die Flussmündung der Save in die Donau zu genießen. Andrić hatte schon recht: „Nebo je nad Beogradom prostrano i visoko, promenljivo a uvek lepo.“

Nicole Rauscher

Švabo-Legende:
Ušće – Mündung, Stadtteil von Belgrad / medved – Bär / Brankova – eine Hauptstraße in Belgrad / kuća cveća – Haus der Blumen, Titos Mausoleum / Crvena Zvezda – Roter Stern (Belgrad) / Banjička šuma - Banjička Wald (Naturschutzgebiet) / Hram Svetog Save – Dom des heiligen Sava / Šopska – ein traditioneller, serbischer Salat / Živela Srbija! - Es lebe Serbien! /

Nebo je nad Beogradom prostrano i visoko, promenljivo a uvek lepo. - Weit und hoch spannt sich der Himmel über Belgrad, veränderlich aber stets schön.


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