INTERVIEW 24.11.2014

Fritz Orter: „Wie mir Sljivovica das Leben rettete“

© Buzić / KOSMO
Jeder Ex-Jugoslawe, der in den 1990er Jahren in Österreich gelebt hat, kennt sein Gesicht. Fritz Orter war drei Jahrzehnte lang Auslandskorrespondent des ORF und berichtete intensiv aus dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Wir trafen ihn anlässlich des Erscheinens seines neuen Buchs „Ich weiß nicht, warum ich noch lebe“ zum Interview.


KOSMO: Jahrzehntelang waren Sie das Gesicht des ORF aus den Krisengebieten der Welt. An welche Regel muss man sich halten, um zu überleben?

Fritz Orter: Die einzige Regel ist, nie den Helden zu spielen. Denn der nutzloseste Reporter ist der tote Reporter. Es waren nicht die unerfahrensten Kollegen, mit denen ich noch am Morgen geplaudert habe, die dann am Abend tot waren.

Wollten Sie schon immer Kriegsberichterstatter werden?

Nein, das hat sich ganz seltsam ereignet. Ich habe südosteuropäische Geschichte und Slawistik studiert und war in den 1980er Jahren in Südosteuropa eingesetzt. 1989 waren der Fall der Mauer und die Revolution in Rumänien. Dort bin ich zum ersten Mal mit brutaler Gewalt konfrontiert worden.

Das hat Sie nicht abgeschreckt?


Nein, das hat mich nicht abgeschreckt, weil ich in diesen Ländern ein Jahrzehnt unterwegs war und dort Kolleginnen und Kollegen kennengelernt hatte. Ich konnte nicht wegrennen, wenn die Menschen in fürchterliche Not kommen. Das Ausmaß von dem, was dann 1991 in Kroatien begonnen hat, konnte damals niemand ahnen – auch nicht die Experten. Und dann war ich plötzlich Kriegsberichterstatter, obwohl ich das Wort nicht mag. Ich habe das nie wegen der Kriegsgeilheit gemacht, sondern mich bemüht, über das Schicksal der betroffenen Menschen zu berichten.

Was war ihr gefährlichstes Erlebnis im Jugoslawien-Krieg?

Es waren Vorfälle, die wir oft gar nicht so genau realisiert haben. Das begann schon 1990, als die sogenannte Baumstamm-Revolution in der Krajina inszeniert wurde. Da wurden wir einmal von einer Tschetnik-Gruppe „hoppgenommen“. Weil wir angebliche Ustascha-Reporter waren. Es war eine richtige Geiselnahme.

Wie sind Sie da herausgekommen?

Auf Balkanart, muss man sagen. Sie hatten uns schon fünf, sechs Stunden festgehalten und bewacht, in einem Dorf oberhalb von Knin. Unsere Wächter wurden dann irgendwann hungrig und wollten Essen einkaufen – mit uns und mit unserem Geld. Sie haben dann ein „Picknick“ gemacht. Dort wurde die erste Flasche Šljivovica getrunken, dann die zweite. Dann haben unsere Aufpasser langsam zu dösen begonnen und ich habe zu meinem Kameramann gesagt: „Das ist die Gelegenheit – Vollgas und weg!“ Bis unser Wächter das realisiert hat, waren wir schon um die Kurve. Als er uns hinterher schoss, war er schon so betrunken, dass er den Wagen nicht mehr traf. Das klingt fast komisch, aber hätte fürchterlich enden können.

Vor zwei Jahrzehnten hat sich Jugoslawien gewaltsam aufgelöst. Heute streben die Nachfolgestaaten alle wieder in die EU, die die Grenzen wieder auflöst. Ist das nicht absurd?

Absurd ist es insofern, dass sich heute im UNO-Kriegsverbrechertribunal der serbische Angeklagte beim bosnischen Zeugen einen Dolmetscher verlangt. Das ist für mich die Absurdität schlechthin. Wenn man sich die letzten Gewaltausbrüche bei Fußballspielen ansieht, glaube ich, die EU ist tatsächlich die einzige Perspektive, diese Region zu befrieden. Aber die ist auch schon überdehnt und nicht mehr für alle so attraktiv.

Haben die Menschen am Balkan aus den Kriegen gelernt?

Ich habe in meiner Studentenzeit viele Balkanfreundschaften gehabt. Aber es begann schon in den 1980ern in den Jugo-Lokalen, dass da Rechnungen beglichen wurden, die noch aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs stammen. Diejenigen, die auch zu uns aus den Dörfern kamen, wussten ja, was die Nachbarn getan haben: Das war eine Tschetnik-Familie, das war eine Ustascha-Familie, die anderen waren bei der Handschar-Division.

Das Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien soll in den nächsten zwei Jahren aufgelöst werden. Wie erfolgreich war seine Arbeit aus Ihrer Sicht?


Das war sehr parteiisch, glaube ich. Das war nur ein Feigenblatt. Man hat zwar einige, wie ich glaube, zu Recht verurteilt. Aber letztlich nicht abgewogen genug.

Was hätte es gebraucht?


Den Mut, zu sagen, dass viele, die sich als Opfer dargestellt haben, auch Täter waren. Und viele frei herumrennen. Diese ganze Karadžić-Farce – die Geheimdienste wussten das ja alles. Da haben ganz andere Interessen hineingespielt. Es ist ein politisches Instrument, damit wollte der Westen sein eigenes Scheitern in diesen Balkan-Kriegen kaschieren.

Es gab immer wieder Vorwürfe, dass österreichische Medien einseitig aus dem Krieg in Ex-Jugoslawien berichtet haben. Was sagen Sie dazu?


Ich kann nur für mein Unternehmen sprechen: Der ORF hat über die Kriegsverbrechen aller drei Kriegsparteien berichtet. Dass serbische Extremisten die größten begingen, ist Fakt. Damit sind nicht alle Serben gemeint.

Sie haben Slawistik studiert und können Bosnisch/Kroatisch/Serbisch.


Ich habe Russisch und Serbo-Kroatisch studiert, die Sprache, die es nicht mehr gibt…

Wie oft sprechen Sie es heute noch?

Jetzt wieder mehr, denn meine guten Hausgeister sind ein serbisches junges Ehepaar, das meine Wohnung renoviert. Freunde aus meiner Generation sind zum Teil schon tot. Andere sind heimgekehrt. Sonst lese ich manchmal noch Literatur.

Was verbinden Sie mit den Ländern des ehemaligen Jugoslawien abseits des Kriegs?

Wunderbare Freundschaften. Eine große Gastfreundschaft – ich war bei den Ärmsten eingeladen und die waren die Großherzigsten. Die wunderbare Landschaft. Ich war jetzt zwei Jahre nicht mehr unten, aber es ist für mich eine gewisse Sehnsucht und Nostalgie mit diesem Raum verbunden. Und das wird auch bleiben, glaube ich – wenn sie nicht wieder Krieg führen. Dann fahre ich nicht mehr hinunter.

Interview: Ljubiša Buzić / KOSMO

Fritz Orter: "Ich weiß nicht, warum ich noch lebe" ist im Ecowin Verlag erschienen und bereits im Handel erhältlich.

„Bosniens junge Generation ist verloren“

„Schluss mit dem Schweigen“

Vom Einzelfall zum Flächenbrand

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe als PDF zum Nachlesen

COVER STORY:
Österreichs Beschützer
INTERVIEW:
Rap-Legende Juice
REPORTAGE:
Teure Geburstage

Zusendung

Lassen Sie sich KOSMO bequem nach Hause zusenden! Versandkostenbeitrag nur 11,- EUR (10 Ausgaben).
Zum Bestellformular

Facebook