INTERVIEW 03.04.2014

Franz Ferdinand, mein Urgroßvater

© KOSMO / Radule Božinović
Wir sprachen mit Anita Hohenberg, der Urenkelin von Franz Ferdinand über ihre Familie, den Großen Krieg und Gavrilo Princip.


Etwa hundert Kilometer westlich von Wien liegt das Schloss Artstetten bei Melk. In einem Flügel des Schlosses wohnt Anita Hohenberg mit ihrer Familie, im anderen Flügel  befindet sich das Museum des Erzherzogs Franz Ferdinand, und unter der Kirche liegt das Familiengrab. Anlässlich des hundersten Jahrestags des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs sprachen wir mit der Urenkeling von Franz Ferdinand:

KOSMO: Ihr Urgroßvater sieht auf allen Bildern ernst aus. Seine Zeitgenossen beschrieben ihn als mürrisch und unbeliebt beim Volk…

Sophie Hohenberg: Der Schriftsteller Karl Kraus hat ihn sehr gut beschrieben: „Er war kein Grüßer.“ Der Thronfolger konnte sehr charmant sein, aber das war nicht sein Image. Er war immer gewissenhaft – und ziemlich misstrauisch. Am Hof waren ihm nicht alle wohl gesonnen - vor allem, als er nach dem Selbstmord seines Cousins, des Kronprinzen Rudolf, Thronfolger wurde. Am Hof mochten ihn viele nicht, weil er viel verändern wollte. Er war ein Mensch, der auch hinter die Fassaden schaute.

Und ihre Urgroßmutter Sophie? Wie hat die Familie sie in Erinnerung behalten?

Es gibt viele Dokumente über sie. Sie war sehr diskret, intelligent und war sich ihrer Position als Frau des zukünftigen Kaisers bewusst. Beide waren sehr reife Persönlichkeiten.

Sie wahren die Tradition und verwalten das Familienerbe. Aber wie stehen Sie persönlich zu diesem Teil der Familiengeschichte, die mit dem furchtbaren Ersten Weltkrieg und überhaupt der Geschichte bis heute verwoben ist?

Die Geschichte der Familie kann die Grundlage für einen echten Frieden sein – das ist auch der Sinn hinter unserer Tätigkeit. Dennoch scheint es uns unangemessen, den 28. Juni als Feiertag mit Konzerten, Staatsbesuchen etc. zu begehen. Und wenn  Gavrilo Princip in Belgrad ein Denkmal errichtet wird, begrüßt unsere Familie das nicht.

Fahren Sie im Sommer nicht nach Sarajevo?

Wir, die Nachfahren des Thronfolgers, haben uns entschieden, dass wir in diesem Sommer Sarajevo sicher nicht besuchen werden. Dort endeten die Kämpfe erst vor 18 Jahren. Die Menschen, die heute politische Macht haben, verstehen einfach nicht, dass es Dinge gibt, wie das Heilen von Wunden, die einfach Zeit brauchen. Und in den vergangenen Jahrzehnten haben wir die dortigen Wunden erneut aufgerissen.

Reagieren sie nicht allergisch auf das Gedenken an Gavrilo Princip?

Princip war ein junger Mann, ein Minderjähriger. Die Kinder von Franz Ferdinand und Sophie haben ihm in sein Gefängnis in Theresienstadt einen Brief geschickt, in dem sie sagten, dass sie ihm den Mord an ihren Eltern verziehen. Leider ist dieser Brief nicht erhalten geblieben, aber es ist eine große Wahrheit, dass wir in der Familie keine Ressentiments pflegen. Wir sind nicht nachtragend, das lehren wir die Kinder in unserer Familie.

Interview: Milan Ilić / KOSMO

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