KOMMENTAR 03.12.2013

Flucht ins Kollektive

© KOSMO / Radule Božinović
Ein Kommentar von KOSMO-Chefredakteur Nedad Memić zur fehlenden politischen und gesellschaftlichen Verantwortung der ex-jugoslawischen Community.


Wie am Jahresende üblich, macht man Abrechnungen: diesmal geht es um die Position der sogenannten ex-jugoslawischen Community in Österreich. Die Nationalratswahlen waren eine optimale Gelegenheit für herbe Kritik: Es ist fast ein offenes Geheimnis, dass eingebürgerte Österreicher mit bosniakischem, kroatischem und serbischem Migrationshintergrund selten zu den Wahlen gehen. Auch gibt es keine einflussreichen Politiker, die sich aus ihren Reihen rekrutieren.

Turbofolk statt Politik

Es wäre nun an der Zeit, sich zu fragen, wie viel Verantwortung für diese triste gesellschaftlich-politische Rolle unsere Community selber trägt. Die demografischen Daten sind klar: Zwischen einer halben Million und 700.000 Menschen mit ex-jugoslawischem Migrationshintergrund leben in Österreich – ihre Präsenz im öffentlichen Leben ist beschämend gering. Während türkisch- und kurdischstämmige Migranten in Österreich politisch sehr aktiv sind, sind für Migranten aus Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Serbien Konzerte von Turbo-Folk-Stars mit krimineller Vergangenheit und Gegenwart sowie von nationalistischen Sängern, die mit dunklen Perioden unserer Geschichte kokettieren, der Höhepunkt des Jahres.

Geteilte Verantwortung heißt keine Verantwortung

Was ist also genau unser Problem? Sind wir tatsächlich politisch und gesellschaftlich so verantwortungslos? Die Balkanmigranten in Österreich sind in großem Maße immer noch von der gesellschaftlich-politischen Atmosphäre ihrer Heimatländer belastet. Dort blüht der religiös-ethnische Konservativismus und Intoleranz gegenüber anderen Identitäten und Ansichten. In einer solchen Atmosphäre schrumpft die Verantwortung jedes Einzelnen zu Gunsten einer ethnisch-religiösen Kollektivität. Das kann und darf aber für hiesige Migranten keine Rechtfertigung für ihre politische und gesellschaftliche Passivität sein.

Nedad Memić / KOSMO

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe als PDF zum Nachlesen

COVER STORY:
Österreichs Beschützer
INTERVIEW:
Rap-Legende Juice
REPORTAGE:
Teure Geburstage

Zusendung

Lassen Sie sich KOSMO bequem nach Hause zusenden! Versandkostenbeitrag nur 11,- EUR (10 Ausgaben).
Zum Bestellformular

Facebook