INTERVIEW 26.08.2014

Faßman: "Unser Ziel ist nicht die Segregation"

Heinz Faßmann, der Vorsitzende des Expertenrats für Integration, sprach mit KOSMO über den kürzlich präsentierten Integrationsbericht 2014. Ebenso erklärt er uns, warum eine verbesserte Umsetzung der Rot-Weiß-Rot-Karte dringend notwendig ist.

KOSMO: Sie haben zusammen mit Integrationsminister Kurz den Integrationsbericht 2014 präsentiert. Was sind die Schwerpunktmaßnahmen für Österreich im Integrationsbereich?

Wir haben insgesamt das Integrationsministerium ermuntert, den erfolgreichen Weg, den wir mit dem 20-Punkte-Programm des Jahres 2012 entworfen haben, weiter zu gehen. Österreichs Integrationspolitik hat Tritt gefasst und wir begrüßen diese Entwicklung. Wir haben dieses Jahr daher auch keine neuen Maßnahmen gefordert, sondern bereits geplante Maßnahmen inhaltlich näher erläutert und anhand von internationalen Beispielen Hinweise auf die Realisierung gegeben. Es handelt sich dabei um das geplante Anerkennungsgesetz, ein ganzheitliches Sprachförderkonzept, Maßnahmen, um internationale Studierende nach ihrem Abschluss für Österreich zu gewinnen und die Realisierung des Konzepts „Integration von Anfang an“.

Im Bildungsbereich hat Ihr Expertenrat Vorbereitungsklassen für schulische "Quereinsteiger" empfohlen. Das wurde teilweise scharf kritisiert, die FPÖ hat es aber begrüßt...

Wir sind ein unabhängig arbeitender Expertenrat. Wir beachten nicht, von wem wir Applaus bekommen und wer uns kritisiert. Im Konkreten empfiehlt es sich auch genau hinzusehen. Wir fordern für quereinsteigende Kinder und Jugendliche Vorbereitungsklassen, damit diese in möglichst kurzer Zeit „schulfit“ gemacht werden. Diese Förderungsmaßnahme soll so kurz wie möglich andauern. Wenn Kinder und Jugendliche dem Regelunterricht einigermaßen folgen können, werden sie in das Regelschulsystem übergeführt. Unser Ziel ist nicht Segregation, sondern eine effiziente Vermittlung von Deutschkenntnissen, um das nachfolgende Lernen in der Peer Group zu erleichtern. Wenn man ideologische Scheuklappen ablegt, wird man merken, dass das eine praktische und sinnvolle Maßnahme ist.

Hat das derzeitige Schulsystem in Österreich überhaupt Kapazitäten, empfohlene Sprachförderungsmaßnahmen für Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache durchzuführen?

Das kann ich nicht beurteilen. Wir sind aber der festen Überzeugung, dass schulische und vorschulische Maßnahmen immer noch billiger sind, als schulischer Drop Out, Arbeitslosigkeit oder eine gesellschaftliche Fragmentierung.

Sie fordern eine Modernisierung und Entbürokratisierung der Rot-Weiß-Rot-Karte. Ist das jetzige Konzept mit lediglich 1.177 Bewilligungen statt geplanten 8.000 im Jahr gescheitert?

Die Politik und die Medien haben bei der Einführung der Rot-Weiß-Rot Karte die Latte zu hoch gelegt. 8.000 Rot-Weiß-Rot Karten pro Jahr sind unrealistisch. Wir hatten in den Jahren vor der Einführung der Rot-Weiß-Rot Karte im Rahmen des Quotensystems niemals 8.000 qualifizierte Zuwanderer aus Drittstaaten, sondern ein Bruchteil davon. Dennoch ist eine verbesserte Umsetzung der Rot-Weiß-Rot Karte dringend notwendig. Derzeit sind zu viele Dienststellen damit befasst, die Verfahren dauern zu lange und sie sind zu „kundenunfreundlich“ gestaltet.

In Deutschland können die Kinder ausländischer Eltern doppelte Staatsbürgerschaft beantragen. In Österreich ist das noch kein Thema, auch im Integrationsbericht nicht. Warum?

Im vergangenen Jahr hat es eine weitere Novelle zum Staatsbürgerschaftsgesetz gegeben. Es ist politisch unrealistisch, eine weitere gesetzliche Veränderung zu fordern und auch zu erreichen. Unabhängig davon: die Frage der Staatsbürgerschaft steht auf unserer Liste der noch unerledigten Dinge. Wir brauchen ein Staatsbürgerschaftsrecht, welches den Gegebenheiten einer mobilen und modernen Gesellschaft entspricht und mehr erfordert, als eine Antwort auf die Alternative: Doppelstaatsbürgerschaft ja oder nein. Alleine die beiden Fragen, bei welchen Personengruppen soll eine doppelte Staatsbürgerschaft akzeptiert werden und über wie viele Generationen kann eine Staatsbürgerschaft vererbt werden, erfordern komplexe Antworten.

Interview: Nedad Memić / KOSMO

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