INTERVIEW 29.05.2015

„Familie darf nicht hinter Beruf stehen“

© KOSMO / Radule Božinović
KOSMO-Chefredakteur Nedad Memić sprach mit Familien- und Jugendministerin Sophie Karmasin über Migranten in der Kindergartenpädagogik, Sexualerziehung in den Schulen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

KOSMO: Sie wollen 450.000 Euro investieren, um mehr Männer in den Beruf des Kindergartenpädagogen zu holen. Benötigen wir eine ähnliche Initiative für mehr Migranten in den Kindergärten?

Sophie Karmasin: Idealerweise müssten wir einen Querschnitt in der Bevölkerung im Kindergarten haben. In Wien weiß man, dass der Anteil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Migrationshintergrund in der Elementarpädagogik gar nicht so gering ist. Bei den Männern haben wir dagegen österreichweit nicht einmal zwei Prozent der Elementarpädagogen.

Welche Maßnahmen werden konkret getroffen?

Wir hatten kürzlich einen internationalen Kongress in Innsbruck zu diesem Thema. Dort konnten wir uns Beispiele aus Deutschland und Finnland anschauen. Wir werden Männer einerseits durch klassische Kampagnen über den Beruf informieren, andererseits werden wir in Schulen Burschen aufklären oder auch Messen organisieren. Das AMS ist dabei auch ein wichtiger Partner, z.B. durch berufsbegleitende Kollegs. Wir planen nächstes Jahr außerdem auch einen Boys‘ Day.

Sie haben kürzlich auch einen Neustart in der Sexualerziehung gefordert. Die Bildungsministerin Heinisch-Hosek warf ihnen danach vor, Sie hätten den neuen Erlassentwurf dazu gar nicht gelesen...

Interessant ist, dass Frau Ministerin Heinisch-Hosek offenbar keine besseren Argumente finden konnte...

Was ist aber an dem vorgeschlagenen Erlass nicht in Ordnung?

Natürlich soll an den Schulen eine Sexualerziehung stattfinden. Die Frage ist aber, ab welchem Alter und in welcher Art und Weise. Für mich bleibt der wichtigste Punkt die Einbeziehung der Eltern. Die Eltern wurden bei diesem Entwurf sowohl in der Konzeption als auch in der Begutachtung zu wenig einbezogen. Im neuen Erlass werden sie dementsprechend nicht als der wichtigste Verantwortungsfaktor definiert, sondern die Schule. Ich bin dagegen. Die Hauptverantwortung für die Erziehung haben immer noch die Eltern. Die Sexualerziehung kann nicht vom Staat übernommen werden.

Bildungsministerin wollte den Erlass schon ab nächstem Schuljahr umsetzen. Wird das der Fall sein?

Wir werden bald entsprechende Gespräche mit dem SPÖ-Parlamentsklub und mit der Bildungsministerin führen. Mir geht es darum, die Eltern nicht aus ihrer Verantwortung zu ziehen. Das ist nicht familiengerecht und auch nicht realistisch.

Sie haben Anfang des Jahres für familienfreundlichere Unternehmen plädiert, u.a. mit flexiblen Arbeitszeiten. Gleichzeitig liegt Österreich in Sachen Überstunden im europäischen Spitzenfeld...

Wir haben eine entsprechende Plattform ins Leben gerufen: Unternehmen für Familien. Wir haben momentan mehr als 100 Unternehmen dabei. Die vielen Bestpractice-Beispiele zeigen, dass familienfreundliche Lösungen in vielen Unternehmen auch betriebswirtschaftliche Vorteile bringen. In Österreich haben wir immer noch eine große Schere zwischen Männern, die viele Überstunden leisten, und Frauen, die überdurchschnittlich teilzeitbeschäftigt sind. Ich will nun diese Schere auflösen: Die Teilzeit soll nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer und auch in Führungsjobs gelten. Ich will auch betonen, dass wir hier einen Partnerschaftsbonus haben, für diejenigen Männer und Frauen, die sich entscheiden, ihre Arbeitszeit in der Familie gleichermaßen zu verteilen.

Sie haben kürzlich gesagt, die Frauenförderung in den Unternehmen soll nicht von einer starren Quote abhängig sein. Viele migrantische Frauen hängen aber überdurchschnittlich von den Ehemännern ab. Wie kann man dieses Bild ändern?

Ich bin nicht gegen eine Quote, sondern für branchenabhängige flexible Quoten. Wir brauchen aber auch familienfreundliche Arbeitsbedingungen, von flexibleren Arbeitszeiten, Kinderbetreuung, Homeworking usw. Wir müssen uns bemühen, solche Bedingungen zu schaffen, dass Frauen in Österreich möglichst finanziell unabhängig sind. Das gilt auch für Frauen mit Migrationshintergrund.

Das WIFO hat die österreichische Familienpolitik gerügt: zu viel direkte Geldleistungen, zu wenig Betreuungsmöglichkeiten. Was ist Ihr Kommentar dazu?

Die betreffende WIFO-Studie bezieht sich auf den Zeitraum bis Ende 2013. Wir haben seit 2014 bereits einen anderen Schlüssel zwischen Sach- und Geldleistungen. Wir investieren in den kommenden Jahren rund 300 Millionen Euro in den Ausbau der Kinderbetreuung und 400 Millionen in den Ausbau der schulischen Nachmittagsbetreuung. Das Verhältnis fängt sich also an zu drehen.

In Österreich gibt es immer noch zu wenig Krippenplätze für Unterdreijährige. Wie geht man mit dem Ausbau dieses Angebots voran?

Wir bekennen uns mittlerweile, dass die Frühkinderbetreuung wert- und sinnvoll ist. Wir haben die größte Ausbauoffensive des Bundes gestartet, die es jemals gab: 305 Millionen Euro werden bis 2018 in diesem Bereich investiert. Die Bürgermeister wollen bauen und in Kindergärten und Krippen investieren. Ich bin optimistisch!

Interview: Nedad Memić / KOSMO

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