KOMMENTAR 06.11.2014

Europas Antwort auf die Flüchtlingskrise? Wir lassen sie im Meer ertrinken.

© zVg.
Wir starren seit Wochen gebannt auf die kurdisch-syrische Stadt Kobane, die zur Hälfte von den Terrortruppen IS eingenommen ist – und fiebern mit den Familien mit, die sich daraus retten wollen. Sollte es eine der Familien aber auf ein Boot aufs Mittelmeer schaffen, lassen wir sie ertrinken. Ein fischundfleisch-Kommentar von Corinna Milborn.


Neun Millionen Menschen haben seit Beginn des Syrien-Krieges ihre Heimat verlassen, drei Millionen davon flohen ins Ausland. 1,2 Millionen befinden sich im kleinen Libanon, eine Million in der Türkei und 600.000 in Jordanien. Im großen Europa landeten hingegen nur 130.000.

Und was tut Europa nun? Bietet es dem UNHCR Hilfe an? Schickt es Militärtransport-Maschinen in die Flüchtlingslager, um Familien herauszuholen? Öffnet es die Botschaften, damit Kriegsflüchtlinge dort um Asyl ansuchen kann? Hilft es Menschen zumindest, heil über das Mittelmeer zu kommen – weil man ja nur einen Asylantrag stellen kann, wenn man mit beiden Beinen auf europäischem Boden steht?

Nein, Europa macht das Gegenteil: Es investiert in Flüchtlingsabwehr. Die Operation Mare Nostrum, die sich das letzte Jahr über – unter dem Eindruck der Flüchtlingskatastrophe von Lampedusa – der Rettung von Flüchtlingen verschrieben hatte, läuft aus. Mit 1. November wurde sie durch die „Operation Triton“ ersetzt, betrieben von der Grenzschutzagentur Frontex. Menschen zu retten ist nun keine Priorität mehr – nur wenn in europäischen Hoheitsgewässern ein Boot kentert, wird Hilfe geleistet. Auf offenem Meer geht es nur mehr darum, keine Boote durchzulassen.

Wir starren seit Wochen gebannt auf die kurdisch-syrische Stadt Kobane, die zur Hälfte von den Terrortruppen IS eingenommen ist – und fiebern mit den Familien mit, die sich daraus retten wollen. Sollte es eine der Familien aber auf ein Boot aufs Mittelmeer schaffen, lassen wir sie ertrinken. In Kobane sind bisher knapp 900 Menschen gestorben – auf dem Mittelmeer starben allein im Jahr 2014 3.000  (jene, die man niemals finden wird, nicht eingerechnet). Und das war, als noch mit „Mare Nostrum“ Flüchtlinge gerettet wurden.
Damit tun wir uns keinen Gefallen. Europa setzt den Terrortruppen des IS eine Gesellschaftsbild entgegen, in dem Menschenrechte gelten. Das funktioniert aber nicht sonderlich gut, wenn man unter Missachtung aller Menschenrechte ausgerechnet jene sterben lässt, die vor dem Terror fliehen.

Corinna Milborn

Die renommierte Journalistin Corinna Milborn beantwortet auf fischundfleisch Fragen zum Thema Integration. Schicke deine Fragen an: office@fischundfleisch.at

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