INTERVIEW: KONRAD PAUL LIESSMANN 16.01.2014

„Es wird eine Zwei-Klassen-Bildung geben“

© zVg.
Angesichts der aktuellen Bildungsdebatte haben wir mit dem Philospohen und Bildungsexperten Konrad Paul Liessmann über den Zustand des österreichischen Bildungssystems gesprochen.


Konrad Paul Liessmann ist Philosoph, Publizist und Universitätsprofessor an der Universität Wien. In seinem Buch „Theorie der Unbildung“ beschäftigte er sich mit den Irrtümern unseres Bildungssystems. Wir sprachen mit ihm über die aktuellen Debatten des österreichischen Bildungssystems und die Aussichten für die Zukunft.

KOSMO: Immer wieder flammt die Debatte über die Gesamtschule auf. In anderen Ländern ist sie Normalität – wieso polarisiert das Thema in Österreich dermaßen?

Es geht bei dem Thema sehr stark um den symbolischen Wert zweier unterschiedlicher Organisationsformen von schulischer Bildung. Deshalb glaubt jede der Regierungsparteien in einem dieser Systeme - Gesamtschule versus differenziertes System -  ihre politische Identität finden zu müssen. Österreich gehört zu den wenigen Ländern, die noch differenzierte Schulsysteme haben. Aber ich denke nicht, dass dies unbedingt der alles entscheidende Punkt  sein muss: Ein gutes, durchlässiges differenziertes System ist besser als eine schlechte Gesamtschule - und umgekehrt! Länder können mit beiden Systemen unterschiedlich erfolgreich sein.
 
Das Bildungssystem ist mittlerweile sehr auf Zahlen, Messungen und Rankings ausgerichtet – siehe Pisa-Studie – wie wirkt sich das auf uns aus?

Ich glaube, fast durchwegs negativ. Diese Evaluationen und Test kosten Zeit und Geld, sie verengen den Blick auf nur einige wenige Bereiche, die hier gemessen werden, und führen zu einem Denken in Quantitäten, das eigentlich der Idee von Bildung zutiefst entgegengesetzt ist. Der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger hat das als „künstliche", "sinnlose" Wettbewerbe“ bezeichnet. In Wirklichkeit konkurriert kein österreichischer Schüler mit einem südkoreanischen Schüler, oder einem Schüler aus Süditalien. Dieses ganze Starren auf Tests und Rankings lenkt eigentlich von den zentralen Anliegen jeder wirklichen Bildungsidee ab.
 
Wie werden Universitäten in der Zukunft aussehen?

Sie werden sich weiter ausdifferenzieren. Die Bachelor-Studiengänge werden eine Art Fachhochschule mit berufsbildender Perspektive werden. Auf der anderen Seite werden zumindest größere Universitäten Wert darauf legen, dass sie forschungsorientierte Master- und Doktoratsprogramme anbieten. Das heißt, wir werden an Universitäten in Zukunft zwei Klassen von Studenten und zwei Klassen von Professoren haben.
 
Vor ein paar Jahren haben die Studierenden massiv gegen die Umstrukturierungen der Universitäten gewehrt. Was blieb von den #unibrennt-Protesten?

Leider fast gar nichts. Diese Studenten haben kurzfristig völlig zu Recht auf Probleme, die mit der Einführung des Bologna-Systems auf uns zukommen, aufmerksam gemacht. Mittlerweile haben wir diese Probleme. Wir haben die Verschulung der Studien, wir haben die Verengung, wir haben den verschärften, zum Teil sinnlosen Konkurrenzdruck und wir haben einen ungeheuren Wildwuchs an Bürokratie und auch eine gewisse Willkür, wo sich niemand mehr auskennt.  Sehr viele dieser Dinge wurden von der Protestbewegung richtig diagnostiziert. Mittlerweile haben sich alle daran gewöhnt.
 
Haben die Betroffenen im Bildungssystem überhaupt eine Möglichkeit, etwas zu bewirken?

Die Studierenden am allerwenigsten. Weil sie sich mit ihren Universitäten nicht mehr identifizieren. Die Perspektive, nur drei Jahre an der Universität zu sein  und die an sich positiven Möglichkeiten der Mobilität zwischen Universitäten und Ländern erhöht nicht gerade die Bereitschaft der Studierenden, sich mit "ihrer" Universität zu identifizieren und da für eine Veränderung einzusetzen. Und deswegen liegt meines Erachtens die Möglichkeit der Veränderung momentan eher auf der Seite der Professoren, Dozenten, Lektoren. Also derjenigen, die diesen Betrieb aufrechterhalten müssen. Die Studierenden geraten  zunehmend unter den Druck, nur schnell rein und schnell wieder hinaus zu müssen.
 
Sehen sie Szenarien, in denen dieses System wieder zurückgedrängt wird?

Möglichkeiten haben wir immer. Diese Strukturen sind von Menschen eingeführt worden, die zum Teil nicht gewusst haben, was sie tun. So etwas kommt in der Weltgeschichte öfter vor. Ich bin eigentlich überzeugt, dass aufgrund der Unproduktivität, die wir hier haben und aufgrund des Unbehagens, das zunehmen wird,  es über kurz oder lang eine Reform der Reform geben wird. Das heißt, dass man erkennen wird, dass man bestimmte Elemente der Universität, die notwendig sind, vernichtet hat und dass diese wiederhergestellt werden müssen. Wir brauchen einen längeren Atem, mehr Freiheit, Forschungsorientierung vom ersten Semester an, eine Abkehr von der alles erstickenden ECTS-Ideologie. Das kann vielleicht nicht in den nächsten zwei oder drei Jahren passieren, aber ich glaube, dass man in sehr vielen Bereichen von dem System wegkommen muss, das wir jetzt haben.

Interview: Ljubiša Buzić / KOSMO


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