REPORTAGE 12.11.2013

Eine elektrische Revolution aus Kroatien

© Tomislav Rosandić
Wussten Sie, dass in Kroatien die modernsten Elektroautos und –fahrräder der Welt produziert werden? Unser Journalist Petar Rosandić hat die Fabrik Rimac Automobili besucht, die durch ihre Erfindungen weltberühmt geworden ist.


Geht es um Kroatien, denken die meisten erst mal an die Adria, an die Krawatte und vielleicht auch an den einen oder anderen gefeierten kroatischen Sportler. Dass ausgerechnet in Kroatien, einem Land ohne jede Tradition im Fahrzeugbau, heute die modernsten Elektroautos und –fahrräder der Welt produziert werden, darauf würde man nicht so leicht kommen.

Aber dank Mate Rimac, einem 25-jährigen Erfinder, Unternehmer und Inhaber der gleichnamigen Automobilfabrik, ist das Elektroauto Concept One nicht nur das erste Auto, das in Kroatien produziert wird, sondern gleichzeitig auch das schnellste und modernste Elektroauto der Welt. Seitdem er es auf der Automobilmesse in Frankfurt 2011 erstmals vorstellte, steht die kleine Fabrik in Sveta Nedelja unweit von Zagreb im Mittelpunkt des Interesses der internationalen Automobilindustrie.

Erstes Elektroauto mit 305 km/h

Rimac'' Superauto, das als erstes Elektroauto die bisher unübertroffene Geschwindigkeit von 305 Stundenkilometer erzielt, stellte damals sogar die großen und etablierten Marken in den Schatten. „Wir waren eines der Hauptthemen in Frankfurt, was ehrlich gesagt niemand erwartet hatte, auch wir selbst nicht“, erinnert sich Rimac. Concept One ist in vieler Hinsicht ein revolutionäres Elektroauto, unter anderem auch durch seine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in nur 2,8 Sekunden. Seine Batterie hat eine beneidenswerte Reichweite von 600 Kilometern.

 „Am Anfang wussten viele nicht einmal, wo Kroatien liegt, denn Kroatien hat auf diesem Markt niemals eine Rolle gespielt. Viele haben uns nicht geglaubt, dass wir das Auto hier produziert haben“, sagt uns Mate Rimac lachend, als er uns in der Fabrik in Sveta Nedelja empfängt. Verglichen mit den Fabriken großer Autoproduzenten wirkt seine Fabrik bescheiden und geradezu niedlich, hier arbeiten nur etwa zwanzig Arbeiter und Experten. „Unser Ziel ist es, Konzepte zu schaffen und unsere Erfindungen umzusetzen. Bisher kann von einer industriellen Massenproduktion keine Rede sein. Wir arbeiten nur auf Bestellung“, erklärt uns Božana Barbić, eine der Managerinnen des Unternehmens, das 2009 gegründet wurde.

Tüftler und Erfinder


Bevor wir die Fabrik betreten, erklärt uns Barbić, was  wir fotografieren dürfen und was nicht: Auf den Borden stehen offensichtlich neue, noch streng geheime Erfindungen von Mate Rimac und seinem Team. Obwohl Rimac erst 25 Jahre alt ist, sind das schnellste Elektrofahrrad und das schnellste Elektroauto der Welt nicht seine ersten und einzigen Erfindungen. Schon während der Mittelschule errang der kroatische Erfinder aus Livno zahlreiche Preise in Kroatien, und 2006 präsentierte er bei der Matura den revolutionären Handschuh iGlove, einen Ersatz für Tastatur und Maus. Es folgten  zahlreiche Anerkennungen in internationalen Wettbewerben, angefangen von Genius Awards 2006 in Budapest bis zu Preisen in der Schweiz, Maleysia und anderen Ländern.

Autoleidenschaft und Genie

„Vom ersten selbstverdienten Geld habe ich mir einen BMW E 323i gekauft, mit dem ich Drift-, Drag- und andere Rennen gefahren bin. Nachdem der Benzinmotor bei einem Rennen explodiert war, entschied ich mich, zwei Leidenschaften zu verbinden: Autos und Technologie. Damals wurde die heute bereits umgesetzte Idee eines elektrischen Superautos geboren“, sagt Rimac. In der Garage seiner Eltern in Samobor baute er einen alten BMW auf Elektroantrieb um, aber da er mit der Leistung nicht zufrieden war, begann er, eigene Komponenten zu entwickeln. Er fuhr selbst Rennen und danach reparierte und verbesserte er seinen BMW jedes Mal weiter – entweder alleine oder gemeinsam mit Freunden. Inzwischen stellte er damit fünf FIA- und Guiness-Rekorde für die schnellsten Elektroautos auf. Die Krone seiner internationalen Popularität setzte ihm das amerikanische Medienunternehmen Bloomberg auf, das Rimac unter die Persönlichkeiten des Jahres aufnahm und seine Erfindung des Elektro-Superautos unter die wichtigsten Ereignisse der Welt für das Jahr 2012.

Der Apple unter den Automobilen


„Das Elektroauto und das Elektrofahrrad sind an sich nichts Neues. Aber die Kunst liegt darin, die bestehenden Erfindungen zu perfektionieren“, erklärt Rimac den Gedanken hinter seiner Arbeit. Und darin ist sein Unternehmen im Moment weltweit konkurrenzlos. „Ich vergleiche unsere Produkte gerne mit dem iPod. MP3-Player gab es schon viele, aber Apple hat sich unter einem Haufen ähnlicher letztendlich als die beste Lösung erwiesen, eigentlich als vollkommene Perfektion“, sagt Rimac.

Und während einige internationale Medien sogar so weit gehen, Rimac mit Nikola Tesla zu vergleichen, findet Rimac solche Vergleiche verfehlt. „Tesla hat die Fundamente erfunden, ich perfektioniere bestehende Erfindungen. Natürlich gibt es eine gewisse Ähnlichkeit, aber der Vergleich ist übertrieben. Im Endeffekt ist er aber doch mein Vorbild, und ich habe vor, seine Statue vor der Firma aufzustellen. Tesla ist und bleibt eben Tesla“, schließt Rimac.

„Ich bleibe in Kroatien!“

Die meisten bekannten Kroaten haben ihren Weltruhm erst nach ihrer Auswanderung ins Ausland errungen. Mate Rimac beweist, dass das Gegenteil möglich ist. Er möchte seine Fabrik auch weiterhin in Kroatien behalten auch wenn die Arbeit hier oft als schwierig empfindet: „Es gibt keine festen Strukturen wie Ökosysteme rund um eine Firmengründung. Wenn Sie wirklich Erfolg haben wollen, müssen Sie alles selber machen“, erklärt er.

„Keiner der Burschen, die bei mir arbeiten, hat zuvor jemals Autos produziert. Wir mussten in meiner Garage anfangen, und dort haben wir nicht nur die Firma als Firma gegründet, sondern auch wichtige Kenntnisse und Erfahrungen gewonnen, die uns heute sehr helfen“, erzählt Rimac. „Schauen Sie, ich habe mich nicht für Kroatien entschieden. Ich bin einfach hier. Wenn Enzo Ferrari nicht aus Italien stammen würde, hätte Italien nicht Ferrari. Wäre Porsche nicht in Deutschland geboren, hätte Deutschland nicht Porsche. Das gleiche gilt für uns. Dies ist unsere Heimat“, schließt Rimac.

Petar Rosandić / KOSMO

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