FILM 17.03.2015

Eine Zeitreise nach Jugoslawien

© Titos Brille, X Verleih
Lange habe ich nicht so viel herzliches Lachen bei einer Kino-Dokumentation erlebt, wie beim Film „Titos Brille“. Regisseurin und Protagonistin Adriana Altaras, eine Film- und Theatermacherin aus Berlin, begibt sich auf eine Reise, die sie nicht nur durch verschiedene Länder, sondern auch durch die Zeit führt.


Die an einer „Überdosis Vergangenheit“ leidende Adriana Altaras macht einen Roadtrip im alten Mercedes ihres Vaters. Es ist ein Versuch, ihre Familiengeschichte zu erzählen und sich damit von der Last der Geschichte zu befreien. Ihr tägliches Leben ist von Geistern geplagt, jeden, die in jüdischem Volksglauben als Dibbuks bekannt sind – Geister der Toten, die den Lebenden gern und boshaft das Leben schwer machen.

Diese Geister sind ihre Eltern, Juden die vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Kroatien geboren wurden. Während des Kriegs wurde die Mutter ins KZ gebracht. Nach der Befreiung aus dem Lager trat sie den Partisanen bei, wo der Vater schon von erster Stunde aktiv war. Beide haben den Krieg überlebt und machen leidenschaftlich bei dem Aufbau der neuen sozialistischen Gesellschaft mit, die Mutter als angesehene Architektin, der Vater als bekannter Arzt. Doch nach einem Scheinprozess gegen den Vater, in dem er wegen Korruption angeklagt wurde, entflieht die Familie aus  Jugoslawien. Ihr neues Leben beginnt in Gießen, Deutschland, wo der Vater eine Stelle an einer Klinik bekommt.

Ein Loblied ans Leben

Die Stationen von Adrianas Reise sind Gießen, Bled in Slowenien, Italien, wo ihre Tante noch lebt, dann Zagreb und Split. Sie erzählt die oftmals dramatischen Ereignisse ihrer Familiengeschichte mit viel Humor und Witz und mahlt lebhafte Porträts, die sich hinter den typischen jüdischen Schicksalen dieser Zeit verstecken: Durch ihre Augen sehen wir ihren Vater als lebenslustigen, spielerischen Mann, leidenschaftlichen Erzähler und Frauenhelden (der, übrigens, dem größten serbischen Lustspieldichter aller Zeiten Branislav Nušić gespenstisch ähnlich sieht) , und jene der Mutter, die Kettenraucherin und Workaholic, die durch ihre Erlebnisse im KZ teilweise emotional gelähmt blieb.

„Titos Brille“ ist ein Lob an die menschliche Ausdauer und Überlebenskraft. An eine Entschlossenheit, eine ganz normale, trivial-glückliche und manchmal kleinbürgerliche Existenz zu führen, trotz aller feindlichen und destruktiven Ideologien und großen Brüchen der Geschichte. Es ist ein Lobeslied zum Erneuerung des Lebens und zum Befreien von Traumata der Geschichte.  

Uroš Miloradović / KOSMO

„Titos Brille“ ist derzeit im Votivkino (Währinger Straße 12) zu sehen, täglich um 18:45.

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