REPORTAGE 04.12.2013

Eine Lektion in Menschlichkeit

© KOSMO / Radule Božinović
Mit 177 humanitären Reisen unterstützte Annemarie Kury die Menschen in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien während der Kriegszeit und danach. Wir haben die unermüdliche Kämpferin für die Menschlichkeit zum Gespräch getroffen.


Sie kam vor 82 Jahren in Tschechien zur Welt, in einer reichen und bekannten Familie. Sie wuchs in einem Schloss mit Dienern auf, aber schon früh lernte sie, was Trauer ist.

 „Den ersten tiefen Schmerz erfuhr ich mit nicht einmal fünf Jahren, als mein älterer Bruder Hansi an Scharlach starb. Er war nur sechseinhalb Jahre alt, und meine Eltern sagten, er sei ein Engel geworden“, erzählt Frau Kury. Das zweite schwere Unglück traf sie, mit 14 Jahren. Damals, 1946, wurde ihre Familie aus Tschechien nach Österreich vertrieben. „Diese Nachkriegsjahre, in denen wir alles verloren, haben tiefe Spuren in meiner Seele hinterlassen. Wir schliefen auf Strohsäcken. Ich erinnere mich, dass mein Vater sozial sehr engagiert war, und das habe ich von ihm gelernt“, ist der Beginn der Geschichte dieser besonderen Dame.

Vielleicht waren diese früheren Erfahrungen entscheidend dafür, dass sich Frau Kury für den Beruf der Krankenschwester entschied. Nach dem Diplom heiratete sie einen Arzt, mit dem sie fünf Kinder bekam. Doch die nächste Tragödie folgte. „Mein Mann war ein begeisterter Bergsteiger, und ich habe mich seiner Sehnsucht nach den Höhen nicht entgegengestellt. Sein großer Traum war es, einmal den Gipfel des Himalaya zu bezwingen“, erzählt Frau Kury. Die Expedition, mit der er aufbrach, erreichte das 7.342 m hohe Ziel, ihr Mann jedoch nicht. Unmittelbar davor stürzte er in eine 40 m tiefe Gletscherspalte. Da gab es keine Rettung. Auch 36 Jahre nach dieser Tragödie fällt es Frau Kury schwer, darüber zu sprechen.

„Ich habe meine Kraft zusammengenommen und mich weiter um die Kinder gekümmert und die Ordination und das Institut geführt. Drei Jahre später habe ich beschlossen, seinem Weg zu folgen und an den Ort zu reisen, an dem sein Leben endete, denn mir schien, so könnte ich ihm näher sein. Unsere Kinder im Alter von 11 bis 23 Jahren und ich fuhren in den Himalaya. Mein kleinstes Kind war das jüngste Mitglied, das jemals mit einer solchen Expedition aufgestiegen ist“, beendet unsere Gesprächspartnerin die Geschichte über diesen Teil ihres Lebens und fügt hinzu, dass sie das Institut für physikalische Therapie bis zu ihrer Pension erfolgreich geführt hat. Dann übernahm es ihre Tochter. Sie ist stolz auf ihre Kinder, die ihr acht Enkelkinder und fünf Urenkel geschenkt haben.


Tatkräftige Humanität

Der Wunsch, anderen zu helfen, kam bei Frau Annemarie nicht plötzlich über Nacht, sondern es war ein Prozess, der ihrer Lebensweise entsprang. Es gab allerdings einen entscheidenden Moment.

„Es war am 25. November 1991. Im Fernsehen hörte ich, dass der Krieg in Kroatien begonnen hatte. Ich war schockiert, denn ich hatte wunderschöne Erinnerungen an diesen Teil der Welt, wo ich oft mit meiner Familie Urlaub gemacht hatte.“ Als sie die Bilder der Vertriebenen sah, wurden Erinnerungen an das wach, was ihre Familie durchlebt hatte. Von einigen Seminaren kannte sie die Direktorin der Caritas in Zagreb, die Deutsch sprach, und so rief sie dort sofort an und fragte, was gebraucht würde. „Essen, Essen, Essen!“ war die Antwort.

Frau Kury  wurde sie sofort aktiv. Im Supermarkt kaufte sie Kekse, Zwieback, Tütensuppen, Zucker, Tee und andere Lebensmittel. Aus ihrem Auto baute sie den Beifahrersitz aus und füllte ihn bis zum Dach mit Lebensmitteln.

„Ich nahm an, ich würde nicht leicht über die Grenze kommen, darum schrieb ich mir auf Deutsch, Englisch und Serbokroatisch eine Bestätigung, dass die Krankenschwester Annemarie Kury Lebensmittel in das Kriegsgebiet bringen dürfe. Ich setzte den Stempel meines Instituts darauf und auch noch einen zweiten, und mit verschiedenen Stiften schrieb ich zwei Unterschriften. Ich zog meine Schwesterntracht an und fuhr alleine nach Kroatien“, erzählt diese mutige Frau. Der Plan ging auf und bald erreichte Frau Kury Zagreb.

„Ich war vorher noch nie in Zagreb gewesen, aber ich wusste, dass ich ins Zentrum musste. Es war ein Mittwoch, das weiß ich noch, und ich sah vor den Häusern weiße Säcke. Ich dachte: ''In Österreich benutzen wir schwarze Müllsäcke, hier haben sie weiße.'' Erst später erfuhr ich, dass das Sandsäcke waren, mit denen die Menschen ihre Kellerfenster verdeckten. So schützten sie sich vor den Granaten“, ist die kurze Beschreibung der ersten von insgesamt 177 humanitären Reisen der Frau Kury.


Auf dem Heeresweg entlang der Front

Als sie das erste Mal fuhr, lenkte sie ihr Auto an der Küste entlang und dann über Metković auf einem Militärweg nach Tuzla. „Nach allem was ich sah, begriff ich, dass ein einzelnes Auto nicht reichen würde. Später haben wir 12 riesige LKWs hinuntergebracht, in denen Hilfsgüter für die Menschen waren.“

Am Anfang hat sie alles selbst gezahlt und später von guten Menschen Unterstützung erhalten. Das Ende des Krieges bedeutete für Frau Kury nicht das Ende ihres Engagements. Sie sorgte sich besonders um den Kanton Tuzla und die dortige, notleidende Bevölkerung. Darum konzipierte sie drei parallele Wege, um Hilfe zu leisten, und wurde darin von Spendern und ihren Assistenten unterstützt. „Wir haben immer ca. 40 Sponsoren, die monatlich zwischen 30 und 100 Euro spenden. Das sind Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern, vor allem jedoch Österreicher. Dieses Geld geht an die ärmsten Familien in Tuzla, denn dort ist die Situation heute schwerer als vor zehn Jahren.“

Die zweite Sparte ihrer Tätigkeit ist das Tagestherapiezentrum für Kinder mit besonderen Bedürfnissen „Koraci nade“ („Schritte der Hoffnung“ – www.koracinade.ba), das 1994 gegründet wurde und in das etwa 150 Kinder und Jugendliche mit verschiedenen Erkrankungen kommen. Das Zentrum funktioniert heute als Bürgervereinigung und dort arbeiten ausgebildete Therapeuten.


Jeder kann helfen

Frau Kury hat niemals einen offiziellen Verein gegründet, sondern sie macht alles auf freiwilliger Basis aus dem Wunsch heraus, zu helfen. Wichtig ist ihr nur, dass die Hilfe bei den Menschen ankommt, die sie wirklich brauchen, und so hat sie sogar Hühner, Ziegen und Schafe für die Allerärmsten gekauft. Vor vier Jahren hat sie über ihre humanitären Aktivitäten ein Buch geschrieben: „Meine ungewöhnlichen Reisen – Schritte der Hoffnung“.

Jeden freien Moment nutzt Frau Kury für ihre humanitäre Arbeit. Neue Ideen sind immer willkommen, wenn sie dem Wohl ihrer Schützlinge dienen. „Viele Leute haben ausgezeichnete Ideen. Jemand hat, zum Beispiel, 70 Gäste zu seiner Geburtstagsfeier eingeladen und allen gesagt, dass sie ihm nichts schenken sollten. Allerdings hat er um einen finanziellen Beitrag zur Hilfe für die Menschen in Bosnien gebeten.“, erzählt diese unermüdliche Dame.

An alle, die ihre Geschichte lesen, appelliert sie, selbst etwas zu tun, wenn andere in Not sind. „Egal, ob es beim Nachbarn passiert oder irgendwo anders. Egal, um welche Volksgruppe, Religion oder Hautfarbe es geht. Wichtig ist, Gutes zu tun und zu helfen“, betont die Dame, von der wir alle eine Lektion in Menschlichkeit lernen können.


Vera Marjanović / KOSMO

www.koracinade.ba

Lesen Sie diesen Artikel auf Bosnisch/Kroatisch/Serbisch in unserer aktuellen KOSMO-Ausgabe (Nr. 49. 12/2013).

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