KOSMO-BLOG: AUSTRIA MEETS BALKAN 02.07.2014

„Eine Jugo-Hochzeit dauert drei Tage“

© Privataufnahme
Nicole Rauscher war als Österreicherin auf einer echten serbischen Hochzeit in Bosnien-Herzegowina. Für KOSMO hat sie einige amüsante Eindrücke gesammelt.


„Eine Jugo-Hochzeit dauert normalerweise drei Tage...“ ...hieß es, als man meine Teilnahme an des Bruders Hochzeit vorsichtig angefragt hat. Uns Švabos sagt man ja gerne mangelnden Familiensinn nach, aber die unheilverheißende Betonung der Worte „große, traditionelle Feier“ machte mich neugierig. Zeitnah erfolgte die Auflage, dem Rakija zumindest bei Tageslicht abzuschwören, weil weder die Mama noch ich meinen Šlivo-Tod bei der Verlobungsfeier vergessen hatten. Also unsere Maslija eingepackt, die trotz Fütterungsverbot jedes Mal zunimmt, und ab nach Bosnien.

Tränen in den Augen und Rakija im Glas

Das Pečenje vom Schwein, das ehrenhalber für den Spieß sein Leben ließ, haben wir nur mehr zerlegt gesehen – dafür öfters, während der zweitägigen Vorbereitungen samt Tüllschleifchen und Luftballons. Dem Schnaps auszuweichen, sollte sich am Hochzeitstag als Challenge erweisen, schließlich war die Ploska allgegenwärtig.

Hatte der herzig nervöse Papa schon um 6 das erste Mal genippt, traf das im Laufe des Vormittags auf jeden Anwesenden in steigender Anzahl zu. Gegen Mittag dirigierte der Axt-schwingende Čajo die geschmückten Autos in die richtige Reihenfolge und eine Kolonne von nicht weniger als 50 Wagen begab sich auf den Weg zur Braut. Dort angekommen mischten sich beide Familien zu einer jauchzenden und tanzenden Woge. Nach Rakije und Meze, bestellter und „zufälliger“ Wander-Musik, wurde die Braut zum Hauptgegenstand der Verhandlungen. Sarkasmus auf Jugo kann ich noch nicht. Als ich die Schönheit des verschleierten, bestimmt mit irgendwem verwandten Typen herausstrich, lachte Tetka: „Nije“. Nach der zweiten Fake-Braut (und Šljivo) haben wir uns dann verstanden. Weil um die Braut nur symbolisch gefeilscht wird, war''s auch egal, dass plötzlich Dinar aus dem serbischen Königreich auftauchen.

Feilschen um die Braut

Nach erfolgreicher Übergabe ging''s zur Kirche, weil „die Diskussion mit den Eltern länger dauert als die kirchliche Trauung selbst“. Der Sveti oče hielt sich zum Glück für alle Beteiligten in Highheels kurz und nach Krönung, Versprechen, Schleife, dreimal um den Block, Verzeihung, Altar und Kuss war''s dann auch geschehen.

Zurück im Bankettsaal mussten die 500+ Gäste begrüßt und ihrer Gaben (Torte, Decken, Rakija) entledigt werden. Nach der 5. wangenkneifenden, knutschenden Tetka verstand ich auch, warum jeder unter 10 nur demütig das Haupt senkte, sobald ein weiblicher Erwachsener in die Nähe kam. Ähnlich ging''s mir beim Tanzen. Als rhythmustechnisches Nulltalent treibt mir ja selbst Kolo den Angstschweiß aus den Poren und so lebte ich beständig in Panik, von den Tetke in den Freudenreigen gesaugt zu werden und mich tollpatschig im Kreis drehen zu müssen. Nach der standesamtlichen Trauung, Suppe, Schwein, Lamm und dann wieder Meze, folgte der letzte Protokoll-Punkt des Abends: Die persönliche Begrüßung der Gäste durch das Brautpaar samt Djever. Die Cousine war bei der Tabla zum Handkuss gekommen, ich dackelte mit den zu füllenden Gabensackerln hinterher.

1500 Bussis, 500 Gäste und 20 Partystunden später

Kurz vor Mitternacht war der offizielle Teil dann durch und ich alkoholbedürftig. Um 4 Uhr früh konnte ich den Schnaps schon fast akzentfrei bestellen. Nach weit über 1500 Begrüßungsbussis, mehr als 500 Hochzeitsgästen und knapp 20 Partystunden, kam ich tags darauf kaum aus dem Bett. Eine dezimierte, aber fröhliche Meute arbeitete schon um 11 am nächsten Aufgwärmten – mit Meze und Mittagessen. Angesichts solcher Partysanen zieh'' ich meinen Hut. Vor einer bewundernswerten Braut, die bis zum Schluss gefeiert hat, als wäre sie nicht bis zwei Tage vor der Hochzeit den passenden Schuhen nachgejagt. Vor einem Bräutigam, der sich weder für den Jogginganzug noch die entgegengesetzte Richtung, also die Flucht na More, entschieden hat. Vor beeindruckend schönen Frauen, die nach 20 Schnäpsen beim Tanzen in Highheels immer noch eine bessere Figur machen als Sarkissova. Und vor ehrlich berührten Männern, die bei der Übergabe der Braut und den traditionellen Stickereien ihrer Frauen feuchte Augen kriegen.

Der Tag danach...

Was Rakija betrifft, bin ich zur Erkenntnis gelangt, dass ich die süßere Dunja lieber mag als den scharfen Šljivo, der mich auf der Verlobungsfeier ausgeknockt hat. Der geht nämlich auch zum Frühstück am Tag danach. Fleisch kann ich für unbestimmte Zeit nicht mehr sehen, weder svinja noch janje, neću. Švabica eben, würde die Oma jetzt kopfschüttelnd sagen. A propos: Es ist natürlich auch Švabica, die bei jedem Besuch in Bosnien die Straßenhunde aus der Nachbarschaft füttert, aber sagt es nicht Baba.

Nicole Rauscher

Švabo-Legende:

Rakija/e = Schnaps/Schnäspe, Maslija = Hundfürnix, Baba = Oma, Pečenje = Jungviech am Spieß, Ploska = hölzerne, traditionell verzierte Feldflasche, Čajo = Zeremonienmeister, Meze = Aufschnitt, Sveti oče = Heiliger Vater, Tetka/e = Tante/n, Kolo = tradtioneller Reigentanz aus Ex-Yu, Djever = Brautführer/Schwager, Tabla = (Geschenk-)Tableau, na More = aufs Meer, Dunja = Quitte, Šljivo(vica) = Zwetschgenschnaps, Svinja = Schwein, janje Lamm, neću = will nicht"

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