INTERVIEW 25.02.2015

"Eine Gesellschaft ohne Humor ist krank"

© zVg.
Srđan Puhalo ist nicht nur Blogger, Polit-Analytiker und Satiriker, sondern auch Psychologe. Wir trafen ihn in Banja Luka zu einem Gespräch über die bosnische Gesellschaft, Kriegsaufarbeitung und die Bedeutung von Satire.


KOSMO: Wohin steuert die bosnische Gesellschaft zurzeit?

Srđan Puhalo: Wir sind in einer Übergangsphase. Die Menschen hier wagen zu hoffen, dass die neue Politik etwas Besseres bringt, wollen aber auch, dass dies sofort geschieht und klar sichtbar ist. Die meisten Menschen hier sehnen sich nicht nach Reichtum, sondern nach einer normalen, funktionierenden Gesellschaft.

Wird das nicht hauptsächlich von der schlechten Wirtschaftslage verhindert?

Nein. Vielleicht wäre das in einer bereits funktionierenden Gesellschaft der Fall, aber nicht hier. Wir diskutieren hier noch immer über die Ursprünge des Krieges, suchen noch immer unsere Verschwundenen und die großen Verantwortlichen von Kriegsverbrechen. Diese Themen sind der Kern aller Probleme in Bosnien-Herzegowina. Und diese muss man gemeinsam abschließen, um einen fürsorglichen Staat zu generieren.

Haben die Proteste vergangenes Jahr ein Zeichen gesetzt?

Diese Proteste haben zwar nichts verändert, aber eine wichtige Botschaft ausgesendet: So nicht mehr. Der Aufstand hat gezeigt, dass wir unzufrieden sind. Bosnien weiß zwar nicht, was es will, aber es weiß, was es nicht will. Die Regierung muss jetzt außerdem Angst haben, dass es wieder geschieht.

Und nach der Hochwasserkatastrophe, hat sich da etwas geändert?

Die furchtbare Situation danach hat gezeigt, dass es in der Natur des Menschen eigentlich gar nicht verankert ist seine Mitmenschen zu hassen. Plötzlich war nicht mehr die Frage, wer woher kommt, sondern die gemeinsame Frage: Wie überleben wir das? Wie können wir uns helfen? Die Flut brachte eine Welle an Empathie und Solidarität.

Sie sind bekannt als Satiriker. Wie reagieren die Menschen hier auf Ihre Werke?

Satire ist Übertreibung. Und sobald es Übertreibungen gibt, gibt es Ungleichheiten. In Bosnien-Herzegowina haben wir aber das Phänomen, dass wir uns über Satire über andere sehr wohl lustig machen, unsere eigene jedoch nicht. Der Serbe lacht über die Lächerlichkeit der Kroaten, der Kroate über die Bosniaken und der wiederum über die Serben. Religiöse Tabus werden bei uns aber von allen Seiten geachtet. Satire kann auch bei uns manchmal recht brutal sein, aber eine Gesellschaft, die ihre Fehler nicht mit Humor nehmen kann, ist ohnehin eine kranke Gesellschaft.

Sie haben fast 7.000 Follower auf Twitter, über 28.000 Tweets. Kann man über solche Medien auf Missstände aufmerksam machen?

Die sozialen Medien sind unabhängige Medien. Wenn ich mich nur auf die Print- oder Onlinemedien verlasse, weiß ich nicht, wie oft ich noch publizieren darf. Auf Twitter und Facebook klappt das wundervoll. Es ist interaktiv, viele Diskussionen entstehen, ich muss mich für meine Aussagen vor keinem Chefredakteur verteidigen. Es sind die optimalen Kanäle, wenn man sich nicht den Mund verbieten lassen will.

Derzeit versucht die Regierung der Republika Srpska die Meinungsfreiheit in den sozialen Netzwerken einzuschränken. Wie gefährlich ist das?

Das Gesetz lässt einigen Interpretationsspielraum – und das ist auch das Problem, da man es so leichter missbrauchen kann. Das wird sicher nicht im großen Stil angewendet werden, sondern wahrscheinlich dort, wo es der Regierung von Nutzen ist, also dort, wo sie sie sich in den sozialen Netzwerken bedroht fühlt.

Anna-Magdalena Druško / KOSMO

„Bosniens junge Generation ist verloren“

Verliebt in Bosnien: „Bis mich der Durchzug tötet“

Das Haus der Versöhnung

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe als PDF zum Nachlesen

COVER STORY:
Österreichs Beschützer
INTERVIEW:
Rap-Legende Juice
REPORTAGE:
Teure Geburstage

Zusendung

Lassen Sie sich KOSMO bequem nach Hause zusenden! Versandkostenbeitrag nur 11,- EUR (10 Ausgaben).
Zum Bestellformular

Facebook