ERLEBNISBERICHT 16.04.2015

Ein falscher Serbe in Kroatien: beschimpft und angefeindet

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„Für Serben hab ich keine Informationen.“, „Je***m ti mater srpsku!“ Dies waren nur einige der Dinge, mit welchen ich mich als serbisch sprechender Österreicher in Kroatien herumschlagen musste. Mein Sommerurlaub in Kroatien wurde zur Lektion über Stereotypen und was es heißt, „der ungewollte Fremde“ bzw. der Andere zu sein.


Kürzlich trat ich mit einer guten Freundin und ihrer Mutter einen Roadtrip nach Kroatien an, wobei es für mich, als Absolvent der Wiener Slawistik mit der Hauptsprache Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, ein besonderer Reiz war, Kroatien das erste Mal mit exzellenten Sprachkenntnissen und auf ganz neue Art und Weise zu erkunden. Ich dachte mir, ich könnte der Kultur und den Leuten aufgrund der nicht vorhandenen Sprachbarriere näher kommen, jedoch bin ich einigen wohl näher gekommen, als mir lieb war, oder womöglich zu nahe?

Die erste Station auf unserer Reise war Zagreb und bereits nach der Ankunft im Hostel und beim Versuch ein Zimmer zu reservieren traten erste „Verständigungsschwierigkeiten“ auf. Dazu muss ich wohl noch sagen, dass ich akzentfrei Serbisch spreche und dies jedem Kroaten sofort auffällt, ähnlich wie ein Deutscher in Österreich. Bei der Frage nach der Anzahl der Nächte (serb. „dve“ oder kroat. „dvije noći“) und bei der Frage, ob wir Handtücher benötigen (serb. peškir vs. kroat. ručnik), wurde mir klar, dass ich mit meiner Art zu sprechen eher als Serbe und nicht als Tourist aus Österreich empfunden werde.

„je***m ti mater srpsku!“


Ähnliche Situationen erlebte ich auch bei der Geldwechselstube und in Cafés, allerdings gipfelte das Gefühl der „ungewünschte serbische Nachbar“ in Kroatien zu sein, bei einem Spaziergang durch den bekannten Park Maksimir in der kroatischen Hauptstadt, als ich einen jungen Mann nach dem Weg zum Aussichtsturm fragte: „Izvini, jel možeš da mi objasniš kako da stignemo do vidikovca?“. Meine von der Satzstellung und Wortwahl typisch serbische Frage wurde mit einem „Für Serben habe ich keine Information“ abgetan. Etwas genervt von dieser Reaktion bat ich ihn abermals um eine Wegerklärung, da wir mehr oder weniger alleine und verloren im großen Park standen. „Tebi sigurno neću pomoći, je***m ti mater srpsku!“ („Dir werde ich sicherlich nicht helfen, ich f**** deine serbische Mutter“), war seine schockierende Antwort. In mir brodelte es und ich wusste nicht ob es Wut oder Enttäuschung war und gleichzeitig verstand ich in diesem Moment die Reaktion des Mannes überhaupt nicht. Ich, Manuel, bin doch Österreicher der Serbisch spricht und kein Serbe. Meine Antwort darauf war, um ehrlich zu sein, nicht weniger vulgär und ordinär als seine. Ganz verdutzt und aufgebracht, gingen wir einfach weiter, allerdings geht mit diese Situation bis heute nicht aus dem Kopf.

Bis dato war ich noch nie mit einer solchen Situation konfrontiert gewesen. Ich wurde von einem Moment auf den anderen der (ungewollte) Fremde bzw. der Andere. Ein Gefühl, dass ich bisher in Österreich nie empfand, da ich als Teil der sogenannten Mehrheitsbevölkerung niemals aufgrund meiner Herkunft oder Nationalität Probleme hatte.

Offene Kriegswunden

Ich hatte in meiner ganzen Freude über den Urlaub und in meinem Stolz, dass ich Serbisch akzentfrei beherrsche, komplett darauf vergessen, wie dies auf andere wirken könnte und dass der traumatisierende Krieg zwischen Serbien und Kroatien nicht so lange zurückliegt. Ebenso war ich auch nicht darauf gefasst zu fühlen, wie es ist anders, genauer gesagt, als Fremder bzw. ungewünschter Gast behandelt zu werden, womit ich mit meinem Auftreten als vermeintlicher Serbe hätte rechnen müssen.

Als ich zurück nach Österreich kam, dachte ich noch oft über diese Situationen nach, welche mich dazu bewogen über einige Geschehnisse in Österreich und mich selbst intensiv nachzudenken. Bin ich frei von Stereotypen und Vorurteilen? Habe ich womöglich jemand anderen auf ähnliche Weise vor den Kopf gestoßen oder sogar verletzt? Behandeln sich die Menschen in Österreich gegenseitig wirklich komplett gleichberechtigt, so wie ich das in Kroatien in der vor mir beschriebenen Situation erwartet hätte? Auf diese Fragen kann man natürlich keine pauschalisierten Antworten geben, allerdings hat mich die Kroatienreise diesbezüglich mehr als nur zum Denken angeregt. Vor allem da ich bisher in Wien diesen drastischen „Unterschied“ zwischen Kroaten und Serben nur beiläufig spürte, da hier doch so gut wie alles scheinbar „naše“ („unseres“) ist.

Manuel "der vermeintliche Serbe" Bahrer

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