DIE WALACHEN 02.09.2014

Ein Volk, zwei Sprachen, viele Bräuche

© zVg.
Die Herkunft der Volksgruppe der Walachen (serb. Vlasi) ist sogar vielen Walachen selbst unbekannt. Historiker und Ethnologen bieten verschiedene Versionen an.


Dieses Volk spricht nicht nur zwei Sprachen, sondern es hat auch ein reiches kulturelles Erbe. Als Vorfahren der Walachen gilt die romanisierte Bevölkerung Transsilvaniens (im heutigen Rumänien), das von den Ugriern (den heutigen Ungarn) erobert wurde. Serbien stand zu jener Zeit – bis ins 19. Jahrhundert - unter der Herrschaft des Osmanischen Reichs. Die Vorfahren der heutigen Walachen lebten im Norden unter der Herrschaft des Königreichs Ungarn und später der Habsburger Monarchie. Die Einwanderung der Walachen in das heutige Serbien wurde von der österreichischen Regierung vorangetrieben.

„Historischen Quellen zufolge hatten die österreichischen Staatsbeamten die Aufgabe, aus den eroberten Ländern, vor allem aus Serbien, eine zusätzliche Quelle für die militärische und finanzielle Stärke der Habsburger Monarchie zu machen. Daneben sollten diese Länder und deren Volk, das mit der neuen Regierung vollkommen zufrieden war, eine starke Anziehungskraft auf die übrigen Christen in der Türkei ausüben“, erklärt der Ethnologe Paun Es Durlić. Der Name „Walache“ selbst stammt vom Wort „Wallach“ ab, mit dem die Germanen die Romanen bezeichneten.

Wo findet man die Walachen?

Die letzte Volkszählung des serbischen Republikamtes für Statistik aus dem Jahr 2011 verzeichnete in Serbien 43.095 Walachen. Nach der Zählung aus dem Jahr 2002 lebten in Serbien 40.054 Walachen. Die Walachen traten als gezählte Kategorie erstmals 1846 in Erscheinung. Die staatliche Statistik aus jenem Jahr zählte 97.215 Personen mit walachischer Muttersprache. Die Verleugnung der Existenz der Walachen erreichte ihren Höhepunkt im Jahre 1961, als nur 1.377 Walachen von der Zählung erfasst wurden.

Aber auch innerhalb der walachischen Gemeinschaft bestehen Unterschiede. Eine alte Trennung unterscheidet zwischen Caranen (Feldarbeitern) und Ungurjanen (Viehzüchtern). Innerhalb den Ungurjanen, die aus der Region unter ungarischer Herrschaft stammten, gibt es eine weitere Gruppe, die Munćani, die sich durch ihren Dialekt von den anderen unterscheiden. Das ethnische Bild des nordöstlichen Serbien kristallisierte sich nach Durlić bereits im 17. und 18. Jahrhundert heraus, als die Zuwanderung der Walachen aus verschiedenen Regionen, die heute zu Rumänien, Moldawien, der Ukraine und Bulgarien gehören, zum Abschluss kam. Die Ungurjanen bilden mit ca. 47 Prozent die zahlenmäßig stärkste Gruppe der Walachen. In Serbien findet man sie in den Regionen um Homolje, Stig, Braničevo, ...

Eine melodische Sprache

Die Angehörigen der walachischen Sprachgemeinschaft darf man nicht mit den Rumänen gleichsetzen. „Die Walachen sind und waren keine Rumänen, denn die Walachen waren nicht Teil des modernen rumänischen Staates. Sie waren niemals integrierter Teil der rumänischen Nation und haben auch nicht in der rumänischen Schriftsprache geschrieben. Darüber hinaus hatten die Angehörigen der walachischen Minderheit in den vergangenen 300 Jahren im Verhältnis zu den Rumänen eine unabhängige Entwicklung und eine besondere Ethnogenese, und heute haben sie ganz andere Ziele und Bedürfnisse als ihre Nachbarn“, betont „Gergina“ (walachisch für Dahlie) – eine Gesellschaft zur Bewahrung der Identität, Tradition und Kultur der Walachen aus Negotin.

Mündliche Sprachtradition

Dennoch klingen Rumänisch und Walachisch sehr ähnlich, wie die Studentin am Lehrstuhl für Rumänische Sprache in Belgrad, Una Vasiljević (selber eine Walachin), feststellt. „Die Rumänen können sich bis zu einem gewissen Grad mit den Walachen verständigen. Der Hauptunterschied zwischen den beiden Sprachen liegt darin, dass es das Walachische nur in mündlicher Form gibt und dass es sich so in mündlicher Tradition über die Jahrhunderte erhalten hat, während das Rumänische eine richtige Sprache ist, mit Schriftsprache, Grammatik und einer ganzen Jahrhunderte alten Literatur.“ Unsere Gesprächspartnerin betont, dass die Walachen auch die permanente Angewohnheit haben, serbische Wörter zu „rumänisieren“. „Zum Beispiel verwenden sie für „verstehst du“ nicht das reguläre rumänische Wort ‘înțeleg‘, sondern sie sagen ,razumješć‘, d.h. sie lassen das serbische Wort rumänisch klingen.“ Sie betont außerdem, dass die walachische Sprache „weicher“ ist, denn sie hat ein weiches ,,ć‘‘ und ,,š‘‘ sowie auch viele ,,đnj’’- und ,,mnj’’-Laute.

Im Gegensatz zu zahlreichen Vorurteilen sind die Walachen ihren Wurzeln beharrlich treu geblieben. Täglich pflegen und bereichern sie ihren Kulturschatz, um ihre ethnische Authentizität zu bewahren. Das tun sie nicht nur in der Praxis, die von Generation zu Generation vererbt wird, sondern auch in Wissenschaft und Kunst. Und das Wichtigste ist: Dieses Volk pflegt seine Seele, die fröhlich und temperamentvoll ist, genau wie auch der walachische Kolo.

Sandra Radovanović / KOSMO

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