INTERVIEW 26.03.2015

Ein Stück Heimat zwischen Buchdeckeln

© Privataufnahme
Die Buchhandlung und Galerie „Mi“ in der Wiener Burggasse 84 verfügt über eine beeindruckende Auswahl an Titeln der bosnischen, serbischen und kroatischen Literatur. Der Inhaber dieser kleinen Kulturinstitution ist Miroslav Prstojević. Wir haben ihn besucht.


KOSMO: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, mitten in Wien eine Buchhandlung mit Büchern auf Bosnisch/Kroatisch/Serbisch zu eröffnen?

Miroslav Prstojević:
Es ist logisch, dass jeder das macht, was er gut kann. Jahrelang war ich verantwortlicher Chefredakteur des Verlagswesens des Sarajevoer Oslobođenje und so bin ich „schuld“ an der Herausgabe von Miroslav Krležas gesammelten Werken in 50 Bänden, an Büchern von Derviš Sušić,‭ ‬Rodoljub Čolaković,‭ ‬Oskar Davičo,‭ ‬Miroslav Antić und vielen anderen. Seit meiner Studienzeit habe ich mich mit Journalismus beschäftigt, Gedichte und Kurzprosa geschrieben... Nach Wien kam ich 1993 wegen des Krieges. Die Buchhandlung habe ich im Juni 1995 eröffnet.

Wie ist die Nachfrage nach Büchern in unserer Sprache und wer ist Ihr Hauptpublikum?

Die Nachfrage nach Büchern ist sporadisch und reicht von Kochbüchern und Esoterik über Kinderliteratur, Liebesromane und Krimis bis hin zu Philosophie. Die meisten Leser bzw. Käufer der Bücher sind Frauen und Studenten, aber gar nicht so selten auch Österreicher, die unsere Sprache gelernt haben oder gerade lernen.

Können Sie aus den Büchern, die gekauft werden, Schlüsse über unsere Mentalität oder Kultur ziehen?


Dazu will ich eine Anekdote von der Renovierung der Buchhandlung erzählen: Wir renovieren diesen Raum, mein Freund, der Maler Ferid Prcić, und ich. Drei Tage lang grüßt uns ein Mann, der in das Gebäude kommt, immer auf Deutsch. Aber einmal hört er uns sprechen:
„Ihr seid ja unsere Landsleute!“
„Ja, sind wir.“
„Was machst du hier auf, ein Café?“
„Nein, ich mache kein Café auf.“
„Was dann?“
„Eine Buchhandlung.“
„Eine Buchhandlung? Was soll das denn sein?“
„Naja, wissen Sie, Bücher, die können Sie anschauen, durchblättern, aussuchen...“
„Oh Mann, ich bin vor den Büchern geflüchtet und du verfolgst mich!“

Welche Titel verkaufen sich am besten? Was sind im Moment die Bestseller?


Am besten verkaufen sich noch immer die Bücher von Ivo Andrić,‭ aber auch Jergović, Selimović,‭ ‬Coelho,‭ ‬ Louise Hay,‭ ‬Murakami,‭ ‬Osho... Bestseller sind im Moment „Čefurji raus“ von Goran Vojnovič, „Ljubav u doba kokaina“ von Simonida Milojković, „Rod“ von Miljenko Jergović...

Kommt es in Ihrer Buchhandlung zu besonderen Begegnungen oder Vorfällen?

‭‬Es vergeht keine Woche, ohne dass irgendetwas Schönes und Ungewöhnliches passiert. Von Nachkommen der Volksdeutschen, die unsere Region auf Gnade oder Ungnade verlassen haben, Japaner, die unsere Sprache akzentfrei sprechen, einem Italiener, der, wie er sagt, zu seiner ersten Liebe nach Wien zurückgekehrt ist und meine Buchhandlung entdeckt hat. Er war mit UNPROFOR auf dem Balkan, lebt jetzt in Wien und liest leidenschaftlich gerne Bücher über unsere Geschichte. Bis hin zu einem Basken, einem Rechtsanwalt aus Barcelona, der einmal im Jahr kommt und unsere Bücher kauft und dabei fachkundig die besten Werke auswählt...
Ich erinnere mich immer gerne an folgende Episode: Vor vielen Jahren kommt eine Dame und fragt: „Haben Sie den Alchemisten auf Kroatisch, die Zagreber Ausgabe?“
„Meine Dame, ich habe den Alchemisten auf Kroatisch, Zagreber Ausgabe. Ich habe den Alchemisten auf Serbisch, Belgrader Ausgabe. Ich habe den Alchemisten auf Bosnisch, Sarajevoer Ausgabe.“
„Wie bitte?“
Ich wiederhole das alles noch einmal.
Die Dame hört mir aufmerksam zu und fragt am Ende: „Was ist denn am billigsten?“

Wie hält Ihre kleine Buchhandlung dem Marktwettbewerb stand?

Sie ist klein, aber sie ist die einzige ihrer Art in Wien, Österreich und der Europäischen Union, natürlich abgesehen von Kroatien. Vielleicht überlebt sie auch deswegen, weil die Besucher den Geist des alten Buchhändlerwesens spüren, sie schauen, blättern, berühren die Bücher und entscheiden sich. Weder ich noch die Besucher empfinden die Buchhandlung wie eine Apotheke, in die sie mit einem Rezept kommen, und es interessiert sie nur, was der Arzt verschrieben hat. Hierher kommen Menschen, die mehr erfahren wollen und das auswählen wollen, was sie heute interessiert, und sie merken sich gleich, was sie morgen kaufen wollen. Ja, ich habe kein Café aufgemacht und habe nicht erwartet, dass ich damit reich werde, sondern dass ich mit so manchem schönen geschriebenen Wort das Leben schöner, nützlicher, reicher machen kann.

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