COMMUNITY 25.06.2015

Ein Serbe entdeckt Allah

© zVg.
Abdallah ist 26, Serbe und zum Islam konvertiert. Im KOSMO-Gespräch erklärte er uns der Wiener, der lieber anonym bleiben möchte, was ihn am Islam fasziniert und warum er von vielen Serben dafür angegriffen wird.

KOSMO: Du stammst aus einer serbisch-orthodoxen Familie und bist heute Muslim. Was für einen Bezug hattest du früher zur Religion?

Abdallah:
Ich habe immer an Gott geglaubt, aber ich war nicht strenggläubig und auch nicht getauft. Mit 19 machte ich mich auf die Suche nach meinem Glauben. Als ich meinem Vater sagte, dass ich mich taufen lassen möchte, war seine Antwort: „Mein Sohn, das machen wir nächsten Sommer in Serbien“. Der Sommer kam, aber es kam irgendwie nicht dazu…

Wie bist du zum Islam gekommen?

Mit zwanzig lernte ich meine Ex-Verlobte kennen. Sie war halb Türkin, halb Albanerin, aber nicht strenggläubig. Dennoch brachte sie mir den Islam etwas näher. Nach zwei Jahren kam das Ende. Ihre Familie war gegen die Beziehung. Ihr Vater zeigte ihr immer wieder Videos über den Kosovo-Krieg, und sie begann durchzudrehen. Wir hatten auch sonst viel Streit, und das gab uns den Rest.

Und deine Eltern? Hatten die Probleme mit ihr, oder mit deinem Interesse für den Islam?

Nein, gar nicht. Sie hatten auch keine Probleme, dass ich zum Islam konvertiert bin. Was ich aber vom Rest der Familie in Serbien nicht behaupten kann.

Wie waren die Reaktionen der serbischen Verwandten?

Meine Cousins in Serbien, haben mir eine fette Facebook-Nachricht geschrieben und mich danach geblockt. Sie haben mich wüst beschimpft: „Komm nur, Mustafa, Balija, Schiptar“, „du Türke“ oder „Nur ein toter Moslem ist ein guter Moslem“, „du wirst mit deinem Blut bezahlen“. Meine Mutter saß neben mir, und ich las ihr alles laut vor. Ich wusste, dass manche negativ reagieren, aber das war zu viel. Ich bin noch immer Serbe. Aber ich habe den Islam angenommen.

Was macht für dich einen guten Muslim aus?


Für mich ist ein guter Muslim jemand, der seinen Mitmenschen versucht zu helfen. Jemand, der dir sagt, „Mein Bruder, gehe beten“, jemand der dir abrät, Alkohol zu trinken oder Drogen zu konsumieren. Das sind für mich gute Muslime.

Ich sehe, du trinkst gerade Kaffee. Es ist Ramadan – fastest du nicht?


Nein, ich faste nicht. Ich habe, seit ich konvertiert bin, nur drei Tage Fasten geschafft. Weil das heftig war für mich. Ich habe vorher nie gefastet. Wenn du fastest, darfst du nicht einmal einen Schluck Wasser trinken. Du isst und trinkst nur zu bestimmten Zeiten. Das habe ich körperlich und psychisch nicht gepackt.

Wie praktizierst du den Islam?

Ich muss sagen, ich habe mich in letzter Zeit ein wenig distanziert, weil es mir zu viel wurde. Ich habe vom Nicht-Gläubigen gleich versucht, zum Streng-Gläubigen zu springen. Ich habe mehr als fünf Mal am Tag gebetet, habe mir den Bart wachsen lassen, und die Leute haben mich immer wieder darauf angesprochen. Das ging ein paar Monate gut, aber dann wurde es mir zu viel.

Du hast vorher die Beschneidung erwähnt. Bist du beschnitten? Ist das wichtig?

Ich habe es vor. Erstens ist es aus hygienischen Gründen besser. Und zweitens ist es ein direkter Befehl von Allah.

Du hast den Namen Abdallah angenommen. Wie wichtig ist es, dass du einen muslimischen Namen hast?

Genauso wichtig, wie wenn ein christliches Kind getauft wird, es kriegt auch einen christlichen Namen. Abd bedeutet Diener und Allah bedeutet Gott – also Diener Gottes. In meinem Pass steht noch mein alter Name, aber das wird noch geändert.

Wie verbringst du muslimische Feiertage und wie orthodoxe?

Ich lasse natürlich meine Familie feiern, wenn sie wollen. Aus islamischer Sicht, glaube ich, ist es schlecht, wenn ich orthodoxe Feiertage weiterhin feiere. Aus islamischer Sicht ist das Schirk – das heißt „Beigesellung“, wenn ich nicht nur Allah alleine anbete. Und für Schirk gibt es keine Vergebung.

Müsste deine Partnerin Muslimin sein oder konvertieren?


Weil ich mir Probleme ersparen will, suche ich mir gleich eine muslimische Frau. Am besten vom Balkan, eine Bosniakin oder aus dem Sandžak. Oder eine konvertierte Serbin – ich kenne sogar eine in Wien, aber die ist mir zu jung.

Sollten muslimische Frauen ein Kopftuch tragen?


Ja, auch christliche und jüdische. Es gibt ein Bild, auf dem sind ein Christ und eine Christin, ein Muslim und eine Muslimin und ein Jude und eine Jüdin abgebildet. Und alle sehen gleich aus. Die Männer mit Bart, die Frauen verdeckt. Und als Überschrift: „Wo liegt das Problem?“ Wirklich, wo liegt eigentlich das Problem? Ich frage mich das auch.

Das Thema Radikalismus ist gerade sehr aktuell. Wie denkst du darüber?

Ich kenne Leute, die halten ISIS für Helden und ich kenne auch die anderen. Ich selbst will mit ISIS nichts zu tun haben. Das hat für mich nichts mit Islam zu tun. Kinder umbringen, Frauen versklaven – kein Mensch kann mir sagen, dass das etwas mit Religion zu tun hat. Wegen dem habe ich den Islam nicht angenommen. Die Radikalisierung hier in Wien und Österreich macht mir schon Sorgen.

Interview: Ljubiša Buzić / KOSMO
 
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