INTEGRATION 15.09.2014

Ein Nicht genügend fürs Schulsystem

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Die ehemalige AHS-Direktorin und Bildungsexpertin Heidi Schrodt setzte sich in ihrem aktuellen Buch „Sehr gut oder Nicht genügend – Migration und Schule in Österreich“ mit dem österreichischen Schulsystem auseinander. KOSMO traf sie zum Gespräch.


KOSMO: Sie sagen, Migrantenkinder sind Verlierer im österreichischen Schulsystem. Warum?

Heidi Schrodt: Man kann nicht sagen, dass Kinder aus migrantischen Familien per se Verlierer im österreichischen Schulsystem sind. Die Bildungskarrieren unserer Kinder hängen nämlich  in erster Linie davon ab, aus welchem sozioökonomischen Hintergrund sie kommen. Wenn ein Kind aus einer ökonomisch schwachen und bildungsfernen Familie kommt, dann hat dieses Kind Pech gehabt in Österreich, egal, ob es deutschsprachig ist oder eine andere Erstsprache als Deutsch hat. Wenn sich dazu noch ein dritter Faktor gesellt, nämlich eine andere Erstsprache als Deutsch, dann sind es diese drei Faktoren zusammen, die in unserem Schulsystem zu großer Benachteiligung führen. Da Österreich im internationalen Vergleich einen sehr hohen Anteil an Zuwanderern mit bildungsfernem und sozioökonomisch-schwachem Hintergrund hat, haben wir deshalb besonders viele Bildungsverlierer.

Wieso ist das österreichische Schulsystem immer noch für Migrantenkinder und Vielfalt so schlecht vorbereitet?

Das österreichische Schulsystem ist von seiner Struktur her noch irgendwo in den 60er-Jahren stecken geblieben. Es hat sehr lange überhaupt nicht auf die Veränderungen, die durch die Zuwanderung entstanden sind, reagiert. Wir sind längst eine migrantische Gesellschaft, und die österreichische Schule ist im Wesentlichen noch immer monokulturell und monolingual ausgerichtet. Zwischen den Bundesländern gibt es allerdings Unterschiede. Gerade Wien, aber auch Vorarlberg hat in  den letzten Jahren eine Reihe von Maßnahmen zur Beförderung der schulischen Integration gesetzt, doch die bundesweiten Schulgesetze hinken dem hintennach.

Die einheimische Politik setzt sehr stark auf Deutsch - wird die Mehrsprachigkeit als Konzept in unserer Schule vernachlässigt?

Unter Sprachwissenschaftlern herrscht Konsens darüber, dass der Erwerb der Erstsprache gesichert sein muss, um einen erfolgreichen Zweitspracherwerb zu gewährleisten. Forschungen haben außerdem erwiesen, dass der Erwerb der Zweitsprache fünf bis acht Jahre dauert. Das heißt, es muss mit intensiven Deutschkursen im Kindergarten begonnen werden, und diese müssen sich über die Volksschulzeit fortsetzen. Parallel dazu muss aber die Erstsprache gepflegt werden. Wenn der zuständige Minister Kurz sagt: „Deutsch ist die Pflicht, die Muttersprache ist die Kür“, dann irrt er nachweislich. Erst- und Zweitsprache müssen gleichzeitig erworben werden.

Sie setzen viel auf individuelle Förderung. Wie ist diese Förderung mit dem jetzigen Schulsystem vereinbar?

Individuelle Förderung ist ein Schlüssel für erfolgreiches schulisches Lernen, nicht nur für Kinder mit so genanntem Migrationshintergrund. Die österreichische Schule ist derzeit nicht daraufhin angelegt. Dazu braucht es Lehrerinnen und Lehrer, die Lernstandsdiagnosen erstellen können und entsprechende Förderpläne entwickeln, die laufend adaptiert werden. Außerdem müssen die Schulen autonom flexible Lerngruppen einrichten können. Teilweise gibt es diese Möglichkeiten bereits, aber keineswegs in ausreichendem Ausmaß.

In Österreich wird viel über die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen diskutiert. Was halten Sie von dieser Diskussion?

Nur in Deutschland ist die gemeinsame Schule ebenso ideologisch aufgeladen wie in Österreich.  Das hängt damit zusammen, dass die österreichische Schule in ihren Grundzügen noch stark ständisch geprägt ist. Selbstverständlich trägt die Trennung mit zehn Jahren zur Diskriminierung von Kindern aus bildungsfernen und ökonomisch schwachen Elternhäusern bei. Allerdings möchte ich die gemeinsame Schule viel weiter sehen als von zehn bis 14. Eine gemeinsame Schule sollte alle Schulpflichtigen vom verpflichtenden Kindergartenjahr bis 15 umfassen und pädagogisch völlig neu ausgerichtet sein. Also: Man müsste jahrgangsübergreifende Verbände ebenso wie individualisierten Unterricht anbieten, um nur zwei wichtige Faktoren herauszugreifen. Nur die Trennung mit zehn abzuschaffen und sonst alles beim Alten zu belassen, das würde gar nichts bringen.

Interview: Nedad Memić / KOSMO

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