DEUTSCHKURS 21.07.2014

Ein Klassenzimmer im Park

© Anna-Magdalena Druško
Deutschkurse der Volkshochschule Wien bieten den ganzen Juli kostenlos Alphabetisierung, Basisbildung und Konversation unter freiem Himmel an.


 „Wissen Sie noch, wie ‚gehen‘ abgewandelt wird?“ - Unter einem Baum im Arthaberpark im 10. Bezirk, haben sich etwa 30 Menschen gemeinsam an große Tische gesetzt und deklinieren die wichtigsten deutschen Verben. 18 Anfänger, zehn Fortgeschrittene und drei Sprachtrainer – so unterschiedlich wie ihre Kleidung sind auch ihre Herkunftsländer und Muttersprachen.

Seit 2008 werden von der Volkshochschule Wien jeden Sommer gratis Deutschkurse in vier Wiener Parks angeboten. „Deutsch im Park“ setzt dort an, wo sich Menschen gerne treffen und leicht ins Gespräch kommen. Es gibt keinen Frontalunterricht oder strikt angeordnete Sitzordnungen, man fördert einen informellen Rahmen. Zwar gibt es Lehrer und Aufgabenstellungen, doch Erwachsenenbildung braucht eine andere pädagogische Herangehensweise – eine ohne Angst vor Prüfungen oder Fehlern.

Teilnehmer aus aller Welt

Von 14.30 bis 16.00 Uhr wird im Arthaberpark fleißig gesprochen und geschrieben, danach folgt eine Pause. Die Anwesenheitsliste geht herum, auf ihr werden auch die Herkunftsländer der Teilnehmer notiert. Und das sind einige: Jung und Alt aus Indien, der Ukraine, dem Iran, den Philippinen, Polen, Bosnien-Herzegowina, Bangladesch, Ungarn, der Slowakei, Japan, Montenegro, der Türkei und Serbien sitzen hier zusammen. So unterschiedlich die Herkunft der Teilnehmer ist, so ähnlich sind jedoch die Gründe für den Kursbesuch: „Ich spreche zwar gut Englisch, doch mein Deutsch ist nicht gut genug, um eine Arbeit zu finden. Und ich möchte unbedingt arbeiten“, erzählt May Lin, die von den Philippinen stammt. Umgangssprache, Bildungssprache, Arbeitssprache Deutsch – alle Teilnehmer wollen arbeiten oder Ausbildungen machen und freuen sich über die kostenlose Hilfe. „Foto machen?“ wird mit einem Lächeln das Thema gewechselt. May Lin und ihre Kollegin Pamela grinsen in die Kamera – Selfies sind also in allen Herren Ländern beliebt.

Versagensängste sind trotz aller Bemühungen der Lehrer und des positiven Settings in den Köpfen einiger Teilnehmer verankert. Daniela ist erst seit kurzem hier in Österreich. Die aus Bosnien stammende Krankenschwester versucht verzweifelt so schnell wie möglich Deutsch zu lernen um einen Job zu finden. „Ich kann nicht zurück nach Bosnien, dort habe ich nichts. Ich möchte mir hier ein Leben aufbauen, doch ohne gute Sprachkenntnisse geht das nicht. Und die meisten Kurse kosten sehr viel Geld“, erzählt die 19-Jährige.

Basisbildung auf Wiesen und Parkbänken

Das Engagement seitens der Lernenden aber auch Lehrenden ist deutlich spürbar. Die Deutsch als Zweitsprache-TrainerSelda Essenko und  Arno Herberth sind, neben einer Alphabetisierungstrainerin, im Park anwesend. „Früher mussten wir noch eine Parkrunde machen und die Leute direkt ansprechen, ob sie nicht mit uns lernen wollen“, erzählt Herberth, „doch mittlerweile kommen sie von ganz allein.“ Die meisten Teilnehmer erfahren über Mundpropaganda oder das Internet von dem Kursangebot, doch auch mehrsprachige Flyer werden immer wieder in den teilnehmenden Parks verteilt. Sowohl Alter als auch Bildungsstandard sind komplett durchgemischt. „Bloß Muslime haben wir heuer sehr wenige“, merkt Essenko an. Ihrer Meinung nach liegt das daran, dass sie Kurszeiten diesen Sommer genau in die Fastenzeit des Ramadan fallen.

Manche der Teilnehmer sind nicht alphabetisiert. Bei der Basisbildung hilft Veronika Zsambok-Palko. Das Hauptanliegen der Alphabetisierungstrainerin ist es Lernenden Lesen und Schreiben beizubringen. Mit einem strengen, aber verständnisvollen Blick zeigt sie wie man Buchstaben schreibt, liest langsam und verständlich Wörter und Sätze vor. Wo manch anderer bereits die Nerven verloren hätte, wiederholt sie immer wieder freundlich die Aufgabenstellungen und beantwortet geduldig dieselbe Frage auch mehrmals. „Mir macht dieser Kurs einfach Spaß. Alle Teilnehmer sind freiwillig hier, sie melden sich zu Wort und haben Fragen. Sie haben keine Angst davor, Fehler zu machen und sind motiviert. Wie könnte man da nicht gerne unterrichten?“, zeigt sich die Sprachtrainerin begeistert.

Nach der zehnminütigen Pause wird weitergebüffelt. Als ein Windstoß die Hitze des Nachmittags durchdringt, nutzen die Lehrer solche kleinen Geschehnisse sofort für Lerninput: „Das war der Wind. Der Wind weht“, erklärt Zsambok-Palko ihren Schüler. Und wenn man die Wörter manchmal nicht versteht? „Einige Teilnehmer sprechen Englisch und dadurch lässt es sich leichter kommunizieren. Und wenn nicht, dann macht man eben Pantomime“, wird erklärt und kurz darauf bestätigt, als eine junge Frau aus der Ukraine ihre Hüften kreisen lässt um ihren Kollegen „Tanzen“ zu erklären.

Die Dynamik der Gruppe ist den ganzen Kurs hinweg durchwegs positiv. Es gibt kein Auslachen oder schiefe Blicke. Bei der Verabschiedung machen sich May Lin und Pamela gemeinsam auf den Heimweg, umarmen Daniela und busserln andere Kursteilnehmer ab. Die jungen Frauen haben zwar keine gemeinsame Sprache und können dennoch Freundschaft schließen.

Anna-Magdalena Druško / KOSMO

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