SATIRE 09.06.2015

Ein Jugo in Bratislava

© zVg.
Der Autor und KOSMO-Redakteur Uroš Miloradović schreibt „Geschichten aus dem kurzsichtigen Winkel“ – diesmal: ein heimlicher Besuch bei unseren östlichen Nachbarn.

Ich schäme mich es zuzugeben, aber ich war in Bratislava. Ich schäme mich, weil das ein reiner Verrat ist. Der Staat gibt dir einen freien Tag, und was machst du? Statt den Feiertag, wie es gehört, feierlich unten den eigenen Landsleuten zu verbringen, fährst du, als könntest du kaum erwarten, ins Ausland. Vielleicht könnte sich ein autochthoner Österreicher so etwas leicht erlauben, auf meinem Lebenslauf aber ist das einfach ein Schandfleck.

Obwohl es ein Feiertag war, konnte ich mich nicht entspannen. Das Risiko dieses leichtfertigen Unternehmens, das meine Reise darstellte, schwebte ständig vor meinen Augen. Während ich hier slowakische Knödel – sogennante Halušky – und Gulasch esse, hat sich irgendein Slowake in Österreich heimlich eingeschlichen und bedroht jetzt meinen Arbeitsplatz, indem er seine höhe Kompetenzen und glänzenden Qualifikationen für eine Bagatelle anbietet.

Meine Qual wurde zumindest vorübergehen von der Tatsache gelindert, dass Bratislava in keinem einzigen Punkt einem Vergleich mit Österreich standhalten kann. Eine kleine und billige Stadt, das ist alles. Diese unanfechtbaren Fakten bringen das Lächeln wieder in mein Gesicht. Die haben schon ein Parlament, die Slowaken, aber was ist dieses Gebäude im Vergleich zu dem in Wien? Ein Zwerg von einem Gebäude!

Auf dem Rückweg betrank ich mich der billigen slowakischen Wein. Ich fuhr mit dem Schnellkatamaran, das Wetter war wunderschön. Am grünen Ufern, unter den dicken, schattigen Ästen der Bäume, lagen Familien und genossen die Wärme. Die Kinder winkten mir mit ihren slowakischen Händchen zu. „Haut ab in den Wald!“, brüllte ich den Kinder entgegen. Es war sinnlos, hier Sympathie oder Höflichkeit zu zeigen – die Brut wächst schon bald zu unbarmherzigen, berechnenden Dieben unserer Arbeitsplätze heran.    

Auf der anderen Seite der Grenze winkten mir wieder Kinder. Weil das unsere österreichischen Kinder waren, winkte ich energisch und freundlich zurück. Selbstverständlich sah hier alles viel schöner aus.

Wenn mich jemand fragt, wo war ich, verschweige ich sicher die Reise nach Bratislava. Ich würde darauf bestehen, dass ich nur bis zum Grenze gefahren bin, bis zur edlen Stadt Hainburg, aber keinen Schritt weiter ins widerliche Ausland.      

Uroš Miloradović / KOSMO

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