INTERVIEW 03.10.2013

Dubioza Kolektiv - Die Revoluzzer vom Balkan

© zVg.
Sie sind bekannt für ihren tanzbaren Sound und ihre politischen Texte. Mit ihren Liedern kämpfen sie gegen die politische Apathie – nicht nur in Bosnien-Herzegowina.

Wir haben „Dubioza“ am Dan Mladine im Weiden bei Rechnitz getroffen. Sie sprachen mit unserem Reporter Ljubiša Buzić über das Leben auf Tour, politische Texte und die junge Generation am Balkan.

KOSMO: In diesem Jahr hattet ihr anlässlich eures neuen Albums „Apsurdistan“ über 60 Auftritte. Woher nehmt ihr so viel Energie?


Dubioza Kolektiv: Na ja, wir haben uns das schon als Kinder gewünscht, als wir davon träumten, was wir im Leben mal werden wollten. Jetzt, wo es in Erfüllung gegangen ist, dürfen wir uns nicht darüber beklagen, dass wir zu viel spielen und zu viel Arbeit haben. Mit den beiden Konzerten dieses Wochenende sind es 2012 fast 70 Auftritte. Wir haben ein gutes Jahr hinter uns!

Ihr spielt viel auf Festivals im Ausland – welchen Unterschied seht ihr zwischen Auftritten in Bosnien-Herzegowina und in Westeuropa?

Wir haben die Länder, in denen wir aufgetreten sind, einmal genau nachgezählt und sind auf bisher 24 gekommen. Wir haben in fast allen europäischen Ländern gespielt und vor eineinhalb Monaten waren wir in Kolumbien. Wir waren erstaunt, wie gering der Unterschied zwischen Konzerten am Balkan und Konzerten in Westeuropa ist. Die Menschen reagieren gut auf unsere Lieder. Im Großen und Ganzen ist das Festivalpublikum heutzutage überall sehr international, sehr durchmischt. Wenn du auf dem EXIT spielst, sind da auch Engländer und Franzosen genauso wie einheimisches Publikum. Am Ende merkst du eigentlich gar nicht, wo du bist, es ist praktisch egal.

Wenn ich in Bosnien-Herzegowina bin, habe ich das Gefühl, dass die Jugend überwiegend in den gehen Westen will. Was ratet ihr diesen Jugendlichen?


Die Umfragen sehen ziemlich schlecht aus, weil 70 % der jungen Leute sagen, sie wollen weggehen. Aber in Wirklichkeit geht nur ein kleiner Teil dieser Leute. Es ist mehr ein Ausdruck von Frustration über die bestehenden Zustände. Die Jugend in Bosnien-Herzegowina weiß im Prinzip sehr genau, dass es nirgendwo rosig ist, dass keine super bezahlten Jobs auf sie warten und dass ihnen nicht alle Türen weit offenstehen. Sie müssen sich den Arsch aufreißen, um die Sprache zu lernen, und sehr hart arbeiten, um Erfolg zu haben. So wie letztendlich auch in Bosnien.

Könntest du dir persönlich oder könntest ihr euch als Gruppe vorstellen, woanders zu leben als in Bosnien-Herzegowina?


Wir könnten uns sehr leicht vorstellen, irgendwo anders zu leben, weil wir mit unserem  Arbeitstempo sowieso mehr unterwegs sind als zu Hause, wo immer dieses Zuhause auch ist. Darum ist es egal, wohin du heimkehrst in den paar Wochen im Jahr, in denen du tatsächlich frei hast.

Eure Musik ist dynamisch und tanzbar. Die Texte sind sehr politisch. Ist diese Musik so etwas wie ein Trojanisches Pferd für kritische Fragen?

Ja, im Prinzip schon. Du beschummelst die Leute praktisch permanent, gibst ihnen einen Soundtrack, der heiter ist, und unter dieser Decke versteckst du Themen, die eigentlich nicht so fröhlich sind. Auch wenn es meistens um Themen aus dem bosnischen Alltag geht, passieren dieselben Sachen auch anderswo am Balkan und, soweit wir gesehen haben, auch im Westen. Korruption und der Aufstieg der Rechten sind die wunden Punkte der modernen Gesellschaft überall auf der Welt. Wenn du darüber sprichst, versteht man dich sowohl in Schweden als auch in Serbien und Bosnien-Herzegowina sehr gut.

In Kroatien schreibt die Zeitung Jutarnji List, dass ihr das beste Gegengift gegen die finsteren Ideen von Thompson und Konsorten seid. Was sagt ihr dazu?

Das ist eine schwere Frage, weil du die Leute, die die Musik hören, nicht in einen Topf werfen kannst. Wir erzählen Dinge, die uns wichtig sind. Wenn du Gleichgesinnte findest, ist das prima. Dann weißt du, dass du nicht umsonst redest. Wir sind im Grundsatz antifaschistisch, das ist schon immer unsere Konstante gewesen. Das heißt nicht, dass wir versuchen, die Thompson-Fans umzuerziehen, damit sie Dubioza hören und ihre Meinung ändern. Entweder sie kommen selbst zu dieser Erkenntnis oder eben nicht. Dass jemand versucht, von außen Druck auszuüben, hat normalerweise den gegenteiligen Effekt.

Auf dem aktuellen Album gibt es viele Lieder, in denen es um das alte Jugoslawien, den Wandel und um Tito geht. Wie seht ihr diese Periode?

Es geht uns nicht um diese Periode, es geht uns mehr um das Phänomen der bestehenden Nostalgie, die eigentlich nur Ausdruck dafür ist, dass die Menschen aus der Gegenwart, aus der Wirklichkeit in irgendeine bessere Vergangenheit fliehen, die sie idealisieren. Letztendlich machen wir uns darüber irgendwie lustig, weil die Menschen völlig unrealistische Erwartungen haben und das jetzt schon in die Folklore von Generationen eingegangen ist, die eigentlich gar nicht wissen, was damals passiert ist, die nach 1990 geboren sind und die über den Kommunismus als goldene Zeit sprechen. Diese Zeit hatte ihre guten Seiten und ihre schlechten Seiten, so wie auch die heutige Zeit ihre guten und ihre schlechten Seiten hat.

Ihr seid dafür bekannt, dass ihr eure Musik kostenlos ins Internet stellt. Wird das so bleiben?

Auf jeden Fall bleibt es mit den Alben in unserer Sprache weiterhin so. Das Album „Wild Wild East“ ist in Amerika, in Frankreich und in Argentinien herausgekommen. Hier ist es von kleinen unabhängigen Verlagen herausgebracht worden. Dieses Album war nicht kostenlos. Die Alben „5 do 12“ und „Apsurdistan“ sind kostenlos, sodass die Menschen die Möglichkeit haben, es aus dem Internet herunterzuladen. Wenn es ihnen gut gefällt und sie wollen es als Plastikscheibe in ihrer Sammlung haben, können sie das Album kaufen, das ganz normal auf den Markt gekommen ist.

Letzte Frage: Wenn die Tournee zu Ende ist und ihr nach Sarajevo zurückkehrt, was werdet ihr in Sarajevo als erstes tun?

Schlafen! (lacht)

Interview: Ljubiša Buzić / KOSMO


Lesen Sie diesen Artikel auf Bosnisch/Kroatisch/Serbisch in unserer aktuellen KOSMO-Ausgabe (Nr. 45. 07-08/2013).

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