ISLAMDEBATTE 12.01.2015

Distanzieren nein, verurteilen ja! #charliehebdo

© zVg.
Es fragen sich viele in Österreich und Westeuropa, warum sich Muslime nicht stärker vom radikalen Islamismus distanzieren. Doch müssen sie das überhaupt?


Der Terroranschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo war furchtbar und unzulässig, genauso wie jede Tötung von unschuldigen Menschen unzulässig ist. Satirische und politisch unkorrekte Zeichnungen und Texte, egal wie provokant sie sind, können niemals der Grund sein, andere Menschen auf die brutalste Art und Weise niederzustrecken. Zudem hat niemand das Recht, im Namen Gottes – wie es die Angreifer von Charlie Hebdo angeblich behaupteten – zu handeln. So denkt jeder geistig gesunde Gläubige, so denkt auch jeder Muslim, der seine Religion im wahrsten Sinne des Wortes lebt. Denn eines der ersten Postulate des Islam, die ich noch als kleines Kind kennen gelernt habe, war der berühmte Vers aus dem Koran: „Wer einen Menschen tötet, für den soll es sein, als habe er die ganze Menschheit getötet. Und wer einen Menschen rettet, für den soll es sein, als habe er die ganze Menschheit gerettet."

Unterstellte Verbindung zum Terror

In dem Ausmaß, in dem die Gräueltaten des radikalen Islamismus und des IS bekannter werden, wächst in manchen Kreisen der öffentlichen Meinung im Westen die Forderung, alle Muslime in Europa und der Welt sollen sich stärker von diesen Gräueltaten distanzieren. Doch was bedeutet in diesem Fall die Distanzierung? Es impliziert im Regelfall, dass es eine Verbindung zwischen ihnen und den Terroristen gibt. Und die gibt es bei einer übergewältigen Mehrheit der Muslime einfach nicht. Die gibt es genauso nicht zwischen Anders Breivik und einer überwältigen Mehrheit der Christen.

Gemeinsam gegen den Extremismus

Was Muslime heute jedoch unbedingt tun müssen und was viele von ihnen bereits öffentlich und mutig tun: Die Gräueltaten, die im Namen des Islam begangen werden, zu verurteilen und sich mit den Opfern zu identifizieren. Diese bedrückende Stimmung nach dem Pariser Anschlag betrifft Muslime genauso wie den Rest der Bevölkerung. Vielleicht sogar mehr. In diesem Moment benötigt die überwältigende Mehrheit der Muslime in Europa, die genauso wie alle anderen im Frieden leben möchten, den Rückhalt ihrer nichtmuslimischen Freunde, Kollegen und Mitbürger. Denn nur gemeinsam können sie gegen diesen radikalen Wahnsinn auftreten. Die Muslime bloß auf den Pranger zu stellen, sie von der übrigen Gesellschaft zu entfremden und von ihnen stets Worte der Entschuldigung zu verlangen, wird die Situation nur schlimmer machen und Nährboden für den weiteren Radikalismus bereiten. Wir dürfen einfach nicht zulassen, dass uns Angst überkommt.

Nedad Memić / KOSMO

Dieser Text wurde erstmals auf fischundfleisch.at veröffentlicht.

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